Bei zwei Bootsunglücken vor der Küste Libyens und Spaniens  in den vergangenen Tagen könnten bis zu 170 Menschen gestorben sein. Das geht aus Berichten der Internationalen Organisation für Migration (IOM) und des UN-Flüchtlingswerks UNHCR hervor. In den vergangenen Tagen hat es zwei Unglücke gegeben. Auf einem vor Libyen in Seenot geratenen Schlauchboot seien nach Angaben von drei Überlebenden ursprünglich 120 Menschen gewesen, schrieb der Sprecher der Internationalen Organisation für Migration in Italien (IOM), Flavio Di Giacomo, am Samstag auf Twitter.

Die drei Geretteten sind mutmaßlich die einzigen Überlebenden des Unglücks. "Sie sagten, auf dem Schlauchboot seien 120 Menschen gewesen. Nach zehn bis elf Stunden Fahrt habe das Boot Luft verloren und es sei gesunken. Die Menschen seien ins Meer gefallen und ertrunken", zitiert die italienische Nachrichtenagentur Adnkronos Di Giacomo. 

Das Unglück soll sich bereits am Freitag ereignet haben. Etwa 120 Menschen sollen in der Nacht von Donnerstag auf Freitag mit einem Schlauchboot von der libyschen Küste abgelegt haben, welches daraufhin etwa 50 Seemeilen nordöstlich der libyschen Hauptstadt Tripolis in Seenot geriet. An Bord seien vor allem Westafrikaner und etwa 40 Sudanesen gewesen. Unter den Vermissten sollen nach Angaben der Überlebenden auch zehn Frauen und ein zehn Monate altes Baby sein.

Die italienische Marine hatte zunächst mitgeteilt, dass sich insgesamt noch etwa 20 Menschen auf dem sinkenden Boot befunden hätten. Drei von ihnen hätten gerettet werden können und seien per Hubschrauber auf die italienische Insel Lampedusa gebracht worden. Die Marine barg drei Leichen.

Zweites Unglück mit 53 Vermissten

Außerdem verunglückte vor einigen Tagen ein weiteres Boot mit Flüchtlingen zwischen Marokko und Spanien. Das teilten das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR und verschiedene Hilfsorganisationen mit. Ein Mann, der das Unglück überlebt hat, wurde gefunden. Er hatte laut UNHCR 24 Stunden lang auf dem Meer getrieben, bis er von einem Fischerboot gerettet worden war. Er sagte, an Bord hätten sich 54 Menschen befunden. Somit werden 53 Menschen dieses Unglücks noch vermisst. Das UNHCR ist "entsetzt" über die Berichte. "Wir dürfen die Augen nicht verschließen, wenn so viele Menschen an der Schwelle Europas sterben", sagte der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, Filippo Grandi.

Gerettete kritisieren späte Hilfe

Die drei Geretteten des Bootes mit den 120 Flüchtlingen erhoben unterdessen Vorwürfe gegen die Verantwortlichen. Mehrere Stunden lang habe es keine Hilfe gegeben. Die italienische Küstenwache teilte dagegen mit, sie habe den internationalen Regeln entsprechend gehandelt, die zuständigen Kollegen in Libyen informiert und dabei ihre Unterstützung angeboten. Zudem habe Libyen ein Frachtschiff in der Nähe gebeten, nach Überlebenden zu suchen. Dabei sei jedoch niemand gefunden worden. Auch das Hilfsangebot der deutschen Seenotrettungsorganisation Sea-Watch sei weitergeleitet worden, erklärte die italienische Küstenwache.

"Ohne sichere und legale Wege für Menschen, die Sicherheit in Europa suchen (…), bleibt das Mittelmeer ein Friedhof", twitterte die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Seit Beginn des Jahres sind – das letzte Unglück nicht eingerechnet – laut IOM im Mittelmeer 83 Menschen gestorben.

Italiens Innenminister Matteo Salvini, dem Kritiker eine flüchtlingsfeindliche Einwanderungspolitik vorwerfen, sieht die Schuld bei Schleusern. "Solange Europas Häfen offen bleiben, solange jemand den Schleppern hilft, machen die Schlepper leider weiter Geschäfte und töten weiter", sagte Salvini nach dem Unglück.

Rettungsschiff Sea-Watch 3 berichtet von Rettungsaktion

Die deutsche Hilfsorganisation Sea-Watch hat unterdessen erklärt, erneut Migranten aus dem Mittelmeer gerettet zu haben. 47 Menschen seien aus Seenot gerettet worden; sie seien sicher und versorgt. Wo die Sea-Watch 3 mit den Geretteten anlegen kann, ist nicht geklärt. Matteo Salvini weigerte sich bereits, das Schiff in Italien anlegen zu lassen.

In den vergangenen Monaten waren mehrere Rettungsschiffe mit Migrantinnen und Migranten tagelang auf dem Meer blockiert worden. Darunter waren zuletzt zwei Schiffe der deutschen Hilfsorganisationen Sea-Watch und Sea-Eye. Erst nachdem sich mehrere EU-Länder bereit erklärt hatten, die Menschen, die sich an Bord befanden, aufzunehmen, hatte die maltesische Regierung den Rettungsschiffen die Einfahrt in einen Hafen gewährt.

Seit die maltesische und die italienische Regierung ihre Häfen für Migranten weitgehend geschlossen haben, ist die Zahl der Ankömmlinge deutlich gesunken. Italien und die EU unterstützen die libysche Küstenwache darin, die Menschen wieder nach Libyen zurückzubringen, von wo aus die meisten Migranten ablegen.

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