Gibt es nur einige rechtsextreme Polizisten in der hessischen Polizei – oder hat sich dort ein Netzwerk von Neonazis organisiert? Diese Frage stellt sich, seit im Dezember bekannt wurde, dass die Frankfurter Anwältin Seda Başay-Yıldız bedroht wird.

Sie hatte im August ein Fax erhalten, in dem ihre Tochter mit dem Tod bedroht wurde. Unterschrieben war es mit "NSU 2.0". Die darin genannten Daten von Başay-Yıldız waren nicht öffentlich verfügbar. Sie sollen laut Medienberichten von einem Polizeicomputer des 1. Frankfurter Reviers abgerufen worden sein. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft ermittelt deswegen bereits gegen fünf Polizisten und eine Polizistin dieser Dienststelle. Sie sollen rechtsextreme Chatnachrichten ausgetauscht haben. Die Beamten sind vom Dienst suspendiert.

Nun wurde bekannt, dass Başay-Yıldız erneut ein Drohschreiben erhalten hat, mit weiteren persönlichen Daten ihrer Familie, wieder unterschrieben mit "NSU 2.0". Das berichtet die Süddeutsche Zeitung. Demnach schrieben der oder die Verfasser der Anwältin, die im NSU-Prozess Angehörige der Opfer als Nebenkläger vertreten hat: "Dir hirntoten Scheißdöner ist offensichtlich nicht bewusst, was du unseren Polizeikollegen angetan hast! Allerdings kommt es jetzt richtig dicke für dich, du Türkensau!" Ihrer Tochter wollten sie "den Kopf abreißen", schreiben die Täter. Laut der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wurde das Schreiben bereits am 20. Dezember verschickt und war bisher aus ermittlungstaktischen Gründen geheim gehalten worden. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt, die die Ermittlungen gegen die Polizeibeamten führt, wollte sich zu den erneuten Drohungen nicht äußern.

Daten im Melderegister gesperrt

Woher stammen die Daten, die die Verfasser verwendet haben? Nachdem das erste Drohschreiben im August bei ihr eingegangen war, ließ Başay-Yıldız ihre Daten im Melderegister sperren, sagte sie ZEIT ONLINE im Dezember. Unter anderem ihre Wohnanschrift kann nicht mehr von Privatpersonen aus dem Melderegister erfragt werden. Laut SZ enthielt das zweite Schreiben jedoch die Namen aller Familienmitglieder, die unter ihrer Adresse gemeldet sind.

Wenn nun also ein Schreiben auftaucht, das nicht öffentlich verfügbare Informationen über ihre Familie enthält, könnten tatsächlich Polizisten, die noch im Dienst sind, diese abgerufen und das Schreiben verfasst haben. Das wäre ein weiterer Hinweis auf ein rechtsextremes Netzwerk in der hessischen Polizei, deren Mitglieder sich gegenseitig unterstützen.

Doch es gibt auch andere denkbare Abläufe: Einmal abgerufene Daten könnten auf die zwei Drohschreiben aufgeteilt worden sein, es muss also gar keinen neuen Zugriff gegeben haben. Oder es könnte, falls für die zweite Drohung erneut unbefugt Daten von Başay-Yıldız abgerufen wurden, auch in einer anderen Behörde passiert sein, etwa einem Bürgeramt. Auch die Beamten dort können auf persönliche Informationen noch zugreifen, wenn diese mit einer sogenannten Meldesperre versehen wurden.

Die von den Verfassern gewählte Formulierung "Polizeikollegen" sei zumindest ungewöhnlich unter Polizistinnen und Polizisten, sagten Beamte ZEIT ONLINE.