Noch nie waren so viele Menschen pflegebedürftig wie heute: 3,5 Millionen Menschen sind es in Deutschland, zwei Drittel von ihnen werden zu Hause versorgt. Doch warum reden Kolleginnen und Freunde über den Kitaplatzmangel, aber nicht darüber, wie schwer ein gutes Pflegeheim zu finden ist? Was hindert Eltern und ihre erwachsenen Kinder daran, ehrlich über ihre Erwartungen zu sprechen? Im Schwerpunkt "Sprechen wir über Pflege" widmen wir uns auf ZEIT ONLINE diesen und weiteren Fragen: Wie es sich anfühlt, über die Zukunft der Mutter zu entscheiden. Was die Belastung der Pflege mit einer Beziehung macht. Und was körperliche Nähe bedeutet, wenn man selbst gepflegt wird.

Es ist etwa zwei Jahr her, dass die Zahl der Pflegebedürftigen förmlich über Nacht in die Höhe geschossen ist: Zum 1. Januar 2017 wurden aus 2,8 Millionen Pflegebedürftigen plötzlich 3,4 Millionen. Bis dahin ging man davon aus, dass diese Zahl frühestens im Jahr 2030 erreicht würde. Der rasante Anstieg ist leicht zu erklären: Damals trat eine Reform der Pflegeversicherung in Kraft, mit der sich die Definition von Pflegebedürftigkeit änderte. 

Bis 2017 gab es drei Pflegestufen, die unterschieden, wie stark eine Person vor allem körperlich eingeschränkt ist. Doch das war ein Problem: Denn mit der alternden Bevölkerung steigt auch die Zahl der Demenzkranken. Viele galten nach der alten Definition nicht als pflegebedürftig, obwohl sie es eigentlich waren. Schlicht, weil ihre kognitiven Einschränkungen aus formalen Gründen nicht berücksichtigt wurden.

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3500000 Menschen
sind in Deutschland pflegebedürftig.

Heute sind 3,4 Millionen Menschen als offiziell pflegebedürftig eingestuft. In der Pflegestatistik des Statistischen Bundesamtes wird berücksichtigt, wer von der Pflegekasse auf Antrag und nach Begutachtung mit einem Pflegegrad eingestuft wird. Die Begutachtungen werden vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) durchgeführt. Entscheidend für die Expertinnen und Experten ist dabei eine dauerhaft schlechte Prognose, das heißt, die gesundheitlichen Beeinträchtigungen dürfen sich nicht verbessern. 

Demografieexperten und Versorgungsforscher gehen davon aus, dass die Zahl der Pflegebedürftigen in Zukunft weiter steigen wird. Dabei ist die Versorgungssituation heute schon gefährdet: In der Altenpflege fehlen Zehntausende von Stellen, und würden nicht Millionen von Familien ihre Angehörigen zu Hause pflegen – zwei Drittel der Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt, fast 1,8 Millionen sogar nur allein von ihren Angehörigen – dann gebe es auch einen enormen Mangel an Plätzen in Pflegeheimen.

172 Tage suchen Arbeitgeber in der Altenpflege durchschnittlich nach einer Kündigung nach Ersatz.

Auch darum ist die Pflegestatistik wichtig. Sie soll Daten zum Angebot und zur Nachfrage von pflegerischer Versorgung gewinnen und wird seit dem Jahr 1999 alle zwei Jahre erhoben. 

Die meisten Pflegebedürftigen sind weiblich

Die jüngste Untersuchung stammt vom Dezember 2017 und zeigt Überraschendes. Zum Beispiel, dass fast zwei Drittel der Pflegebedürftigen (63 Prozent) Frauen sind. Warum? Zum einen haben Frauen die höhere Lebenserwartung – und damit eben auch das größere Risiko, pflegebedürftig zu werden, denn mit dem Alter steigt auch die Pflegewahrscheinlichkeit. Während bei den 70- bis 75-Jährigen nur jede Zwanzigste pflegebedürftig ist, beträgt die Quote für die ab 90-Jährigen 71 Prozent. 

Zum anderen leben viele Frauen im Alter allein. Mit gesundheitlichen Einschränkungen sind sie dann auch eher auf Hilfe angewiesen. Männer hingegen haben laut Statistischem Bundesamt oft Frauen, die etwas jünger als sie sind und sie bei Pflegebedürftigkeit noch lange versorgen können. Viele Frauen pflegen also erst ihre Männer und werden als hochbetagte Witwen dann selbst pflegebedürftig.

Die Pflegestatistik zeigt auch eine Art Versorgungslücke: Zwar gelten hierzulande über 3,5 Millionen Menschen als pflegebedürftig, offiziell in der Statistik geführt werden aber nur 3,4 Millionen. Das Statistische Bundesamt geht davon aus, dass mindestens 100.000 Männer und Frauen unberücksichtigt bleiben. Das hängt damit zusammen, dass viele Menschen mit Pflegegrad 1 keine eigentlichen Pflegeleistungen von der Pflegekasse erhalten. Dann ist zwar anerkannt, dass sie gesundheitliche Einschränkungen haben – aber diese sind nicht so gravierend, dass ihnen ambulante Pflegesachleistungen, ambulante Geldleistungen oder ein Pflegegeld zustehen. Jedoch können Menschen mit Pflegegrad 1 bis zu 125 Euro Entlastungsbeitrag pro Monat erhalten, um zum Beispiel eine Hilfe im Haushalt zu bezahlen. Auch wird Menschen mit Pflegegrad 1 in der Regel die monatliche Gebühr für ein Notruftelefon erstattet oder sie können finanzielle Unterstützung beantragen, wenn die Wohnung barrierefrei umgebaut werden muss. Davon machen aber viele Ältere mit Pflegegrad 1 zunächst noch gar keinen Gebrauch. Und die Pflegekassen wiederum melden für die Statistik nur Personen, die auch eine Leistung erhalten.