Am 24. November 2018 schickte die Organisation Sea-Eye das Schiff "Professor Albrecht Penck" von Rostock aus auf das Mittelmeer. Es ist das erste NGO-Schiff, das unter deutscher Flagge und mit deutscher Zulassung fährt. Am 29. Dezember nahmen sie in den internationalen Gewässern vor Libyen 17 Schiffbrüchige auf, seither wartet die Crew in maltesischen Gewässern auf die Zuweisung eines sicheren Hafens. Jan Ribbeck leitet den Einsatz an Bord.

ZEIT ONLINE:
Herr Ribbeck, wie geht es Ihnen?

Jan Ribbeck: Als Arzt bin ich Belastungssituationen gewohnt, auch über längere Zeit. Das Einzige, was an der Substanz zehrt, ist der Schlafentzug. Die Crew wacht ja rund um die Uhr: Telefone, E-Mails, Verpflegung, Schiffsbetrieb. Schlimmer ist die Situation für die Geretteten an Bord. Wir sprechen ja hier von Menschen und deren Schicksalen – nicht von einer Fracht, die man nur noch abladen muss. Der Eindruck entsteht leider oft, das bedrückt mich.

ZEIT ONLINE: Wie geht es den Menschen an Bord? Bei der Rettung sollen zwei Personen einen "auffällig reduzierten Bewusstseinszustand" gezeigt haben.

Ribbeck: Rein körperlich sind inzwischen alle stabil. In den vergangenen Tagen waren, je nach Wetter, etwa drei bis vier Personen seekrank. Es ist nachts außerdem kalt, windig und nass. Das setzt vielen zu. Gerade haben wir wieder gutes Wetter, damit legt sich auch die Seekrankheit. Nach mittlerweile neun Tagen auf See haben wir ein anderes Problem: die Erlebnisse, die die Menschen aus Libyen oder von ihrer Flucht mitbringen. Sie stellen für die Betroffenen eine große Belastung dar.

ZEIT ONLINE: Sie haben keine Psychologen an Bord?

Ribbeck: Nein, und wir Ärzte können die schlechte psychische Verfassung der Geretteten nur bedingt verbessern. Manche reden nicht mehr und starren auf das Wasser, andere bekommen Weinkrämpfe, sobald wir sie ansprechen. Diese Menschen brauchen Sicherheit und lange professionelle Hilfe, um sich von den traumatischen Erlebnissen zu erholen.

ZEIT ONLINE: Wie gehen Sie damit um?

Ribbeck: Am Anfang, als die Flüchtlinge die Landmasse gesehen hatten, waren alle hoffnungsvoll. Sie fragten nach, ob das Europa sei. Es war Malta. Dann mussten wir ihnen sagen, dass Europa derzeit noch unerreichbar ist und wir keinen Einfluss auf den Ausgang unserer Fahrt haben.

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ZEIT ONLINE: In einem offenen Brief an den Bundestag beklagten Sie die prekäre Lage an Bord. Die Schiffsvorräte seien beinahe aufgebraucht. Wie steht es inzwischen um die Vorräte?

Ribbeck: Wir haben Malta um einen Wassernachschub gebeten, weil wir schon mehr als die Hälfte aus unseren Tanks verbraucht haben, obwohl wir bereits rationieren. Morgen soll das Wetter noch gut sein, wir hoffen daher auf eine Unterstützung von See aus. Was die Verpflegung angeht, können wir noch auf Grundnahrungsmittel zurückgreifen. Wir haben keine Vitamine mehr, aber genügend Kohlehydrate, zum Beispiel Kartoffeln, Reis oder Couscous. Damit kommen wir noch ein paar Tage zurecht. Wir kochen für alle 18 Besatzungsmitglieder und die 17 Geretteten, und wir teilen alles.