In Istanbul ist der Prozess gegen die deutsche Übersetzerin und Journalistin Meşale Tolu vertagt worden. Direkt nach Beginn der Anhörung verkündete der Richter, dass die nächste Sitzung erst am 23. Mai stattfinden werde. Dann solle ein geheimer Zeuge per Video befragt werden. Tolu war nicht für den Prozess angereist.

Tolu hatte im Sommer nach Monaten der Untersuchungshaft und Ausreisesperre nach Deutschland ausreisen dürfen, war aber für einen Gerichtstermin im Oktober nach Istanbul zurückgekehrt.

Tolus Ehemann Suat Çorlu, der im selben Prozess angeklagt ist, erschien zu dem Gerichtstermin am Donnerstag in Istanbul, obwohl im Oktober auch seine Ausreisesperre aufgehoben worden war. Mit seinem freiwilligen Erscheinen wolle er dem Gericht zeigen, dass die Ausreisesperren gegen die weiteren Mitangeklagten ebenfalls aufgehoben werden könnten, sagte Çorlu.   

Bis zu 25 Jahre Haft

Auch die Grünen-Abgeordnete Margit Stumpp und eine Vertreterin des deutschen Generalkonsulats nahmen als Beobachterinnen an dem Gerichtstermin teil. Neben Tolu und Çorlu sind 21 weitere Menschen angeklagt. Ihnen werden "Terrorpropaganda" und die Unterstützung einer Terrororganisation vorgeworfen.

Konkret wirft die Staatsanwaltschaft Tolu, ihrem Ehemann und einer Gruppe weiterer Personen die Mitgliedschaft in der linksextremen Marxistisch-Leninistischen Kommunistischen Partei (MLKP) vor. Sie gilt in der Türkei als Terrororganisation. Sollten sie verurteilt werden, drohen den Angeklagten bis zu 25 Jahre Haft.

Die 34-jährige Tolu hatte in Istanbul für die linke Nachrichtenagentur ETHA gearbeitet, als sie im April 2017 festgenommen wurde. Sie saß mehrere Monate lang in Untersuchungshaft. Anfangs lebten Tolu und ihr zweijähriger Sohn in einer Zelle mit 20 anderen politischen Gefangenen. Nach einem halben Jahr gab Tolu den Sohn zu ihrer Schwester in Istanbul. Wenig später, im Dezember 2017, wurde sie unter Auflagen freigelassen. Im August 2018 hob ein Gericht schließlich auch die Ausreisesperre auf: Tolu konnte mit ihrem Sohn die Türkei verlassen und nach Deutschland reisen.