Ein Jahr nach dem Tod einer jungen Frau bei einem Unfall mit einem Polizeiauto in Berlin gibt es schwerwiegende Vorwürfe gegen die Ermittlungsbehörden. Die Eltern und ihr Anwalt sprachen im RBB von einem Justizskandal und warfen den Behörden Versagen vor: Anlass ist, dass der Polizist am Steuer nach Angaben der Staatsanwaltschaft im Verdacht steht, zur Tatzeit alkoholisiert gewesen zu sein.

Der Polizeibeamte sei "objektiv nicht in der Lage" gewesen, das Fahrzeug zu führen, sagte der Anwalt Matthias Hardt dem RBB. Bei dem Unfall am 29. Januar 2018 war eine 21-jährige Frau ums Leben gekommen. Ihr Auto war am Berliner Alexanderplatz von einem Polizeiwagen gerammt worden, der mit hoher Geschwindigkeit unterwegs war. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wollte die Frau in dem Moment gerade einparken.

Der Anwalt der Eltern der jungen Frau kritisiert vor allem, dass weder der Beamte noch sein Kollege am Tag des Unfalls oder danach befragt und auch keine Ermittlungen eingeleitet worden seien. Nur gegen das Unfallopfer sei ermittelt worden. "Es sind Dinge passiert, die nicht hätten passieren dürfen und nicht hätten passieren sollen", sagte Hardt im Tagesspiegel. Er warf der Staatsanwaltschaft und Polizeipräsidentin Barbara Slowik vor, Verhaltensregeln verletzt und die Sachlage in der Öffentlichkeit falsch dargestellt zu haben.

Die Mutter der getöteten Frau sagte der Zeitung: "Wir haben immer geahnt, dass der Polizist unter Alkohol stand. Niemand hat uns ernst genommen, und stattdessen wurde der Name unserer Tochter in den Dreck gezogen." Von Beginn an seien durch die Ermittlungsbehörden schwere Fehler begangen worden.

Bislang keine Anklage erhoben

Laut Staatsanwaltschaft war gegen den Polizisten zunächst wegen fahrlässiger Tötung ermittelt worden. Am Mittwoch dieser Woche teilte die Behörde mit, dass nun auch der Verdacht der Gefährdung des Straßenverkehrs durch Trunkenheit hinzugekommen sei. Eine Anklage gegen den Polizisten gibt es bislang nicht.

Erste Hinweise auf eine mutmaßliche Alkoholisierung des Fahrers hatte es laut Staatsanwaltschaft durch einen Vertreter der Nebenklage schon im Herbst gegeben. Diese seien zunächst sehr vage gewesen, dann aber konkreter geworden. Schließlich habe die Staatsanwaltschaft die Patientenakte des Polizisten beschlagnahmt. Daraus habe sich ergeben, dass der Beamte nach dem Unfall mit circa einem Promille Alkohol im Blut eingeliefert worden sein soll.

Die Berliner Polizeipräsidentin Barbara Slowik versprach nach Bekanntwerden der Vorwürfe gegen den Polizisten am Mittwoch eine umfangreiche Aufklärung. "Ich sichere der Familie zu, dass ich mit vollem Nachdruck und rückhaltlos alles zur Aufklärung Erforderliche beitragen werde", schrieb Slowik auf Twitter. Auch wenn Fragen nach Schuld und Verantwortung erst nach Ende der Ermittlungen mit dem Urteil des Gerichts geklärt werden könnten, erschüttere der bloße Verdacht.