Als der Schuldspruch gegen den Mafiaboss Joaquín Guzmán gefällt war, sprach der Oberstaatsanwalt von Genugtuung. Das Urteil sei "ein Sieg für jede Familie, die jemanden ans schwarze Loch der Sucht verloren hat", sagte Richard Donoghue vor dem Gerichtssaal zu Reporterinnen und Reportern.

Vordergründig mag das stimmen. Mit seiner Organisation, dem Sinaloa-Kartell, steuerte Joaquín "El Chapo" Guzmán in den vergangenen Jahrzehnten den Schmuggel von Hunderten Tonnen Rauschgift in die USA. Seine Leute belieferten den riesigen Markt nördlich von Mexiko mit Kokain, Heroin, Crystal Meth und Marihuana. Zuletzt sollen sie auch in den Handel mit Fentanyl eingestiegen sein. Guzmán für die vielen Todesfälle in den USA verantwortlich zu machen, ist deshalb zumindest nicht falsch. Es ist gut und richtig, ihn des Drogen- und Waffenschmuggels, der Geldwäsche und der Beteiligung an einer kriminellen Vereinigung schuldig zu sprechen, wie jetzt geschehen.

Doch wer glaubt, das Urteil würde irgendetwas an der Drogenkrise in den USA ändern – oder am Drogenkrieg und der extremen Gewalt in Mexiko –, der täuscht sich sehr. Auch in Zukunft werden Menschen in Mexiko ihr Leben an die Kartelle verlieren. Und Familien in den USA ihre Angehörigen an die Sucht.

Tote durch Schmerzmittel

Dafür gibt es unterschiedliche Gründe. Der erste liegt in den USA selbst: Nicht alle Todesfälle durch Überdosis im Land gehen auf Heroin oder andere illegal ins Land geschmuggelte Drogen zurück. Rund 17.000 der Menschen, die im Jahr 2017 an einer Überdosis starben, hatten vorher zu viele verschreibungspflichtige Opiate eingenommen, also beispielsweise Oxycodon (unter dem Namen OxyContin im Handel) oder Morphium. Fast ebenso viele starben an Benzodiazepinen oder Antidepressiva. Diese Todesfälle wird es weiterhin geben, ganz gleich, wie sich der Drogenschmuggel aus Mexiko in die USA entwickelt.

Leider gibt es keine Anzeichen dafür, dass das Urteil gegen Guzmán den illegalen Handel eindämmen würde – selbst wenn er nun für den Rest seines Lebens im Gefängnis bleiben muss. El Chapo ist bereits seit Januar 2016 in Haft. Das Geschäft floriert trotzdem. Naturgemäß gibt es keine exakten Statistiken, die das belegen, aber ein paar Zahlen sind doch verfügbar:

So zeigen Daten der Vereinten Nationen und der US-Antidrogenbehörde, dass die Fläche zunimmt, die in Mexiko zur Produktion von Heroin genutzt wird. Im Jahr 2017 erreichte sie einen neuen Rekord. Ebenso steigt die Zahl der Drogentoten in den USA – auch jener, die durch illegal ins Land gebrachte Substanzen ihr Leben verloren. 2017 starben rund 25.000 Menschen in den USA an Kokain und Heroin und mehr als 28.000 an Fentanyl und ähnlichen Stoffen. Gerade Fentanyl hat sich in den vergangenen Jahren zu einer besonders tödlichen Droge entwickelt – und Medienberichten zufolge ist die aus Mexiko geschmuggelte Menge in den vergangenen Jahren rasant gestiegen.

Wissenschaftlerinnen und Sicherheitsexperten sagen, das Sinaloa-Kartell halte immer noch den größten Marktanteil am Drogengeschäft in den USA. In Mexiko selbst haben längst andere den Platz von Guzmán eingenommen. Die Organisation aus Sinaloa wird nun offenbar von El Chapos Kompagnon Ismael "El Mayo" Zambada García geführt. Neue Organisationen entstehen und machen dem Sinaloa-Kartell Konkurrenz, zum Beispiel das Kartell Jalisco Nueva Generación. Seine Mitglieder gelten als besonders gewalttätig, sein Boss Nemesio Oseguera Cervantes, genannt El Mencho, ist zum neuen Staatsfeind Nummer eins der USA geworden

An der Gewalt in Mexiko hat sich nichts geändert, seit El Chapo verhaftet wurde. 2018 war sogar ein besonders gewalttätiges Jahr im Drogenkrieg. Hunderttausende sind in den vergangenen Jahren in dem Land ermordet worden. 40.000 Menschen gelten gegenwärtig als verschwunden, vor allem in Regionen, in denen die Kartelle besonders mächtig sind. 26.000 Tote in den öffentlichen Leichenhallen sind Medienberichten zufolge nicht identifiziert. Journalisten haben recherchiert, dass im ganzen Land in den vergangenen Jahren an die 2.000 Massengräber entdeckt wurden.