Vertreter von Opfern haben enttäuscht auf den Abschluss des Antimissbrauchsgipfels der katholischen Kirche reagiert. "Opfer hätten sich mindestens die Ankündigung des Rauswurfs diverser Bischöfe erwartet", sagte Francesco Zanardi, Sprecher des italienischen Opferverbands Rete l'abuso, der italienischen Tageszeitung La Repubblica. Die Namen der Bischöfe, die Missbrauch vertuschen würden, seien bekannt. Er könne nicht verstehen, worauf gewartet werde.

Es habe "erneut nur Worte statt Taten" gegeben, sagte Zanardi. "Wenn der Papst die Kirche als Opfer sieht, sollte er Priester, die Kinder missbrauchen, bei Zivilgerichten anzeigen und Schadenersatz für die Kirche fordern."

Ein Schweizer Missbrauchsopfer kritisierte in der italienischen Tageszeitung Il Messaggero, die von Papst Franziskus zu Beginn geforderten konkreten Taten hätten am Ende gefehlt. "Wir Opfer hätten gern gewusst, was der Papst schon ab morgen mit den Bischöfen macht, die Kindesmissbrauch vertuscht haben", sagte Jean-Marie Fürbringer der Zeitung. "Null Toleranz" gegen Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche müsse endlich verwirklicht werden.

Rund 190 Vorsitzende der Bischofskonferenzen, Ordensleiter aus aller Welt und Chefs von Vatikanbehörden hatten von Donnerstag bis Sonntag im Vatikan über Missbrauchsfälle und Kinderschutz in der katholischen Kirche beraten. Einige Missbrauchsopfer berichteten bei dem Treffen und brachten ihre Forderungen vor. Papst Franziskus hatte am Sonntag zum Abschluss der Konferenz im Vatikan zwar ein Ende der Vertuschung versprochen, aber keine konkreten Schritte genannt, wie er das in Zukunft erreichen will. Deswegen reagierten Opferverbände trotz der klaren Worte des Papstes enttäuscht.

Kardinal Marx fordert Bischofskonferenzen zum Handeln auf

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, sagte hingegen, er habe den Eindruck, "hier wird klar gesprochen und auch deutlich die Linie vorgegeben. Aber das Umsetzen, das kann nicht von Rom alleine erfolgen. Das ist auch unsere Aufgabe in den verschiedenen Bischofskonferenzen", sagte er im heute-journal des ZDF. Die Konferenz habe "noch einmal einen Schub gegeben, dass die ganze Weltkirche sieht: Hier ist eine Herausforderung, der wir uns alle stellen müssen."

Der Trierer Bischof Stephan Ackermann forderte konkrete und verbindliche Weisungen des Papstes. "Notwendig ist dazu auch ein permanentes und weltweites Controlling", teilte der Beauftragte der katholischen Deutschen Bischofskonferenz für Fragen sexuellen Missbrauchs mit. Der Passauer Bischof Stefan Oster sprach sich in der Passauer Neuen Presse unter anderem für eine eigene kirchliche Gerichtsbarkeit für Missbrauchsfälle aus, "damit die Verfahren für Priester nicht immer langwierig und zum Teil ergebnislos über Rom laufen müssen".

Der Freiburger Theologieprofessor Magnus Striet schlug eine Synode aller deutschen Bistümer vor. Die Bischöfe könnten dabei mit Fachleuten und Vertretern des Kirchenvolks über offene Fragen sprechen. "In Deutschland gibt es eine allgemeine Verwirrung, wie es weitergehen soll. Eine deutsche Synode wäre sinnvoll", sagte Striet.

Nach Striets Ansicht unterstützen die deutschen Bischöfe zwar grundsätzlich den Kampf gegen sexuellen Missbrauch von Kindern durch Geistliche. "Aber viele sind erschrocken, was das konkret bedeuten würde." So müssten etwa die kirchlichen Aussagen zur Sexualität auf den Prüfstand – ebenso wie die Pflicht zum Zölibat, also zur Ehelosigkeit von Priestern. Zum Kampf gegen Missbrauch gehöre es auch, den hierarchischen Aufbau der Kirche zu überdenken. Dieser fördere zu viel angepasstes Verhalten und zu wenig Widerspruch, sagte Striet, der in Freiburg katholische Fundamentaltheologie lehrt.

"Kirche sollte aufhören, sich als Opfer zu sehen"

Der Theologe Michael Seewald kritisierte die Selbstwahrnehmung der Kirche. "Die Kirche sollte aufhören, sich selbstmitleidig als Opfer des Missbrauchsskandals zu sehen. Sie sollte vielmehr die Menschen in den Blick nehmen, denen durch Männer der Kirche großes Leid angetan wurde", sagte der Professor für Dogmatik an der Universität Münster.

Der Vatikan hatte am Sonntag nach dem Ende der Konferenz angekündigt, dass der Papst bald konkrete Anweisungen veröffentlichen will, die Maßnahmen im Kampf gegen Missbrauch seitens der römischen Kurie und des Vatikanstaats stärken sollen.