Von dem brisanten Vorschlag und der heftigen Debatte war in der Pressemitteilung der Deutschen Bischofskonferenz keine Rede: Zwei Tage lang hatten die 27 deutschen Ortsbischöfe in einem alten Würzburger Kloster beraten. Bei dem Treffen vor wenigen Tagen ging es um die Krise der katholischen Kirche nach der Veröffentlichung der Missbrauchsstudie, um die Glaubwürdigkeit und den Veränderungswillen von Deutschlands Spitzenkatholiken. 

Seit die Deutsche Bischofskonferenz im September 2018 ihre Missbrauchsstudie vorgestellt hat, bebt die katholische Welt: 1.670 Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige sollen in den vergangenen 70 Jahren 3.677 Kinder und Jugendliche missbraucht haben. Missbrauchsexperten, Theologen und Laien appellieren seitdem an die Kirche. Nun sei Zeit für tiefgreifende Veränderungen, sagen sie. Die Sexualmoral müsse liberalisiert und die Macht der Priester und Bischöfe beschränkt werden. Einige Bischöfe sprechen längst von einer "Zeitenwende" und davon, dass sich Kirche "neu erfinden" müsse. Aus katholischer Perspektive geschieht momentan Ungeheuerliches: Selbst den Pflichtzölibat für Priester stellen die Reformer unter den Bistumschefs inzwischen infrage.

Die offizielle Zusammenfassung des letzten Bischofstreffens liest sich dagegen auffallend unspektakulär: Die Pressestelle verschickte nur ein paar routinierte Zeilen. Nach Informationen der ZEIT-Beilage Christ & Welt verliefen die zwei Tage aber so gar nicht routinemäßig: Die wichtigsten Kirchenmänner des Landes sind in der Frage zerstritten, wie die katholische Kirche auf die Missbrauchskrise reagieren soll. Eine Gruppe von vier Bischöfen hatte den Amtskollegen ein zweiseitiges Papier vorgelegt.

Die Idee: eine nationale Synode als großes Debatten- und Diskussionsformat, auf dem Laien, Theologen, Kirchenkritiker, Experten von außen und Bischöfe über jene systemischen Veränderungen diskutieren, die die Kirche jetzt brauchen könnte. Über die Zukunft des Zölibats würde dort wohl debattiert, über den Umgang mit Homosexualität und die Frage, wie sich Machtmissbrauch in Zukunft verhindern lässt. 

Im innerkirchlichen Machtverhältnis wäre eine solche Synode eine kleine Revolution. Die Bischöfe würden sich auf ein Terrain bewegen, das sie nicht mehr kontrollieren können. Sie würden sich eingestehen, dass sie in einer pluralen Kirche die Diskurshoheit verloren haben. Es wäre so etwas wie die Demokratisierung des deutschen Katholizismus. Die obersten Kleriker wären in einer Veranstaltungsreihe wie dieser nur 27 Teilnehmer unter vielen.

So weit wird es wohl vorerst nicht kommen: Nach Informationen von Christ & Welt konnte sich der Vorschlag in der Runde nicht durchsetzen. Am Ende einer wohl auch lautstark geführten Debatte fehlten die Unterstützer. Vor allem konservativen Bischöfen, so heißt es, gingen die Zugeständnisse an Laien und Kritiker viel zu weit. Auch die Erkenntnis, dass die Missbrauchskrise zu tiefgreifenden Reformen führen muss, teilen längst nicht alle. So gilt etwa der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer als Gegner größerer Veränderungen. Die Rede von einem "Neustart" oder auch von einer "Zeitenwende" sei oberflächlich und gefährlich, predigte er kürzlich. Bei dem Bischofstreffen in Würzburg, so heißt es, sei die Mehrheit der Bistumschefs vor allem durch Zaudern aufgefallen.