Nachdem im Missbrauchsfall Lügde bei der Polizei Beweismittel verschwanden, hat es personelle Konsequenzen gegeben: Der Landrat des Kreises Lippe, zugleich Behördenleiter der Polizei, Axel Lehmann (SPD), entband den Leiter der Direktion Kriminalität in der Behörde "von der weiteren Wahrnehmung seiner Aufgabe".

Zugleich entschuldigte sich Lehmann bei den Betroffenen des Missbrauchsfalls für die offenkundigen Ermittlungspannen bei der Polizei. Die "eklatanten Fehlleistung" bei der Polizei Lippe mache ihn "fassungslos", sagte er. "Dass gravierende Fehler gemacht worden sind, ist unstreitig", sagte der Landrat. Die Fehler würden nun "komplett aufgeklärt", sicherte er zu. 

Ein Sonderermittler soll mit Unterstützung des Landeskriminalamtes den Verbleib von 155 Datenträgern klären, die in der Kreispolizeibehörde Lippe verschwunden sind. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) sprach von einem Debakel.

Verdächtige in Untersuchungshaft

Auf dem Campingplatz im nordrhein-westfälischen Lügde waren den Ermittlungen zufolge seit 2008 mindestens 31 Kinder im Alter von 4 bis 13 Jahren in mehr als 1.000 Fällen zu Opfern geworden. Sie sollen unter anderem für Pornodrehs missbraucht worden sein. Die Ermittlungskommission Camping geht davon aus, dass sich viele Betroffene noch nicht gemeldet haben.

Als Hauptverdächtige sitzen ein 56-Jähriger aus Lügde, ein 33-Jähriger aus Steinheim und ein 48-Jähriger aus Stade in Niedersachsen in Untersuchungshaft. Bei den Verdächtigen hatte die Polizei bereits auf zahlreichen Datenträgern Beweismaterial mit einem Datenvolumen von etwa 14 Terabyte sichergestellt, wobei nur ein Teil der Fotos und Videos in Lügde entstand. Das Material reiche aber aus, um die Tatverdächtigen zu überführen, sagte Innenminister Reul.

Es wird auch gegen eine Person wegen des Verdachts der Datenlöschung ermittelt. Geprüft werde, ob diese Person für einen der drei Hauptverdächtigen Daten vernichtet hat und ob damit eine Bestrafung verhindert werden sollte.

Die Staatsanwaltschaft Detmold teilte mit, dass bis zum jetzigen Zeitpunkt davon ausgegangen werden, dass die Beweise aufgrund "nachlässigen Umgangs" nicht auffindbar seien und nicht entwendet wurde. Natürlich werde aber auch die Möglichkeit eines Diebstahls der 155 Datenträger nicht ausgeschlossen. "Bislang haben sich dafür allerdings zureichende tatsächliche Anhaltspunkte nicht ergeben", teilte die Staatsanwaltschaft mit.

Rückdatierung von Aktenvermerk im Jugendamt

Der benachbarte niedersächsische Landkreis Hameln-Pyrmont räumte Fehler ein. Das dortige Jugendamt war für die Überprüfung des mutmaßlichen Haupttäters zuständig. Nach Bekanntwerden des Falles wurde ein Vermerk in einer Akte geschrieben. Der betreffende Jugendamtsmitarbeiter sei freigestellt worden, teilte der Landrat mit. Er habe die Akte "besser lesbar machen wollen" und daher seine Darstellung auf den 20. Juni 2018 rückdatiert. Konkret ging es um die Zusammenfassung eines Kontaktbesuchs mit einem neuen Träger der Familienhilfe auf dem Campingplatz.

Reul hatte angekündigt, dass der Sonderermittler und die LKA-Mitarbeiter "keinen Stein auf dem anderen" lassen werden, um den Verbleib der Datenträger aufzuklären. Ein Alukoffer und eine Hülle mit 155 Datenträgern seien zuletzt am 20. Dezember gesehen worden. Aber erst am 30. Januar sei der Verlust dann bemerkt worden. "Man muss hier klar von Polizeiversagen sprechen", sagte Reul. "Das alles macht mich fassungslos."

SPD bringt Untersuchungsausschuss ins Spiel

Nur drei CDs aus dem verschwundenen Beweismaterial seien ausgewertet worden, teilte Reul mit. Auf ihnen sei nichts Verdächtiges gefunden worden, habe ein Polizist gesagt. Ob auf den CDs und DVDs mit insgesamt 0,7 Terabyte Datenvolumen auch kinderpornografisches Material war, sei nicht auszuschließen, sagte Reul. Auch bei der Auswertung sei es zu schweren handwerklichen Fehlern gekommen. Normalerweise müssen von Datenträgern, die als Beweismaterial gelten, Kopien gemacht werden. Aber nur für drei CDs sei dies geschehen.

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) verteidigte die Polizei gegen die Kritik des Innenministers. "Seit mehreren Jahren weisen meine Kollegen in Lippe darauf hin, dass sie am Limit arbeiten", sagte der Bundes- und NRW-Landesvorsitzende des Berufsverbands, Sebastian Fiedler. Der Kriminalpolizei hätte im vergangen Jahr 60 Beamte gefehlt. Nun zeige sich, was Personalmangel bedeute.

Der Skandal um die verschwundenen Beweise dürfte an diesem Freitag auch im nordrhein-westfälischen Landtag in Düsseldorf Thema werden. Auf der Tagesordnung steht bereits seit Längerem ein Antrag der Regierungsfraktionen von CDU und FDP, wie der Schutz von Kindern und Jugendlichen vor Missbrauch verbessert werden kann. "Es gibt bereits jetzt genug Stoff für einen Untersuchungsausschuss", sagte der innenpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Hartmut Ganzke der Bild-Zeitung.