Der Fall um den massenhaften Missbrauch von Kindern auf einem Campingplatz in Lügde in Nordrhein-Westfalen weitet sich immer mehr zu einem Behördenskandal aus. Weil Beweise verschwunden sind, wächst auch der Druck auf die Landesregierung. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) spricht von einem Debakel und Behördenversagen. Der innenpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Hartmut Ganzke, hält einen Untersuchungsausschuss für denkbar. Worum geht es genau?

Wie ist der Ermittlungsstand?

Auf einem Campingplatz in Lügde sollen über Jahre hinweg mindestens 31 Menschen missbraucht und dabei gefilmt worden sein. Nach gegenwärtigem Stand waren die meisten der Opfer dabei zwischen 4 und 13 Jahre alt. Die Ermittler zählen mehr als 1.000 Fälle, und sie gehen davon aus, dass viele Betroffene sich noch nicht gemeldet haben. 60 Beamte sind mit der Aufarbeitung der Fälle beschäftigt.

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Was ist über die Verdächtigen bekannt?

Die Hauptverdächtigen sind ein 56-Jähriger aus Lügde, ein 33-Jähriger aus Steinheim und ein 48-Jähriger aus Stade in Niedersachsen. Sie befinden sich in Untersuchungshaft. Die Polizei hat bei ihnen auf zahlreichen Datenträgern Beweismaterial mit einem Datenvolumen von etwa 14 Terabyte sichergestellt: Fotos und Videos, von denen allerdings nur ein Teil in Lügde entstand. Innenminister Reul zufolge reicht das Material aus, um die Tatverdächtigen zu überführen.

Der 56-jährige Hauptverdächtige soll schon vor 17 Jahren verdächtigt worden sein, eine Achtjährige missbraucht zu haben. Damals wurde aber offenbar kein Ermittlungsverfahren eingeleitet.

Durch die Auswertung der sichergestellten Daten sind die Ermittler kürzlich auf einen weiteren Verdächtigen gestoßen. Dabei handelt es sich um einen 16-Jährigen, der kinderpornografisches Material besessen haben soll. Der Jugendliche ist nach Angaben der Staatsanwaltschaft am Montag vernommen worden, wurde aber wieder freigelassen.

Innenminister Reul kündigte an, auch ältere Verdachtsfälle von Sexualstraftaten auf dem Campingplatz neu aufzurollen. So soll ein Dauercamper im vergangenen Frühjahr auf dem Gelände eine 15-Jährige vergewaltigt haben. Derzeit werde geprüft, ob dieser Fall zum Tatkomplex gehöre, sagte Reul.

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Welche Beweismittel sind verschwunden?

Der Staatsanwaltschaft zufolge handelt es sich um 155 CDs und DVDs. Die Ermittler stellten sie am 6. Dezember des vergangenen Jahres auf dem Campingplatz und in der Wohnung des 56-Jährigen Hauptverdächtigen sicher. Am 30. Januar sollten die Datenträger in einer schwarzen Mappe und in einem Aluminiumkoffer in einen extra eingerichteten Asservatenraum bei der Polizei Lippe umgelagert werden. Dabei fiel auf, dass Material fehlte. Bislang wurde es nicht wiedergefunden. Zuletzt gesehen wurden die Datenträger kurz vor Weihnachten in einem Auswertungsraum.

Für die Anklage dürfte ihr Verschwinden allerdings kaum Folgen haben, denn auf den fehlenden Datenträgern befindet sich mit 0,7 Terabyte nur ein kleiner Teil der Datenmenge.

Reul zufolge werteten die Ermittler nur drei CDs aus dem verschwundenen Beweismaterial aus. Ein Polizist habe gesagt, auf ihnen sei nichts Verdächtiges gefunden worden. Dennoch sei nicht auszuschließen, dass auf den verschwundenen CDs und DVDs auch kinderpornografisches Material war. Normalerweise müssen von Datenträgern, die als Beweismaterial gelten, Kopien gemacht werden. Wie Reul mitgeteilt hatte, sei das nur für drei CDs geschehen.

Um zu klären, wie die Beweise verschwinden konnten, setzte das Innenministerium nun einen Sondermittler ein. Die Staatsanwaltschaft geht nach eigenen Angaben davon aus, dass die Asservate aufgrund nachlässigen Umgangs nicht auffindbar sind. Ein Diebstahl sei aber nicht auszuschließen.

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Was wirft man Polizei und Jugendämtern vor?

Reul sagt, bei Polizei und Jugendämtern hätten sich Pannen und Fehler gehäuft. Seiner Auffassung nach hätte der sexuelle Missbrauch von Kindern auf dem Campingplatz zumindest nach 2016 verhindert werden können. Denn schon damals gab es erste Hinweise.

Nach Angaben des Innenministers wird unter anderem wegen Strafvereitelung im Amt und wegen Verletzung der Fürsorgepflicht gegen 14 Beschuldigte bei Behörden ermittelt. Unter ihnen sind zwei Polizisten und acht Jugendamtsmitarbeiter.

Auch der von Reul eingesetzte Sonderermittler sprach von "schweren handwerklichen Fehlern, die sich potenziert haben". So sei der eigentlich zu sichernde Asservatenraum meistens offengeblieben. Mit der Sichtung von 155 Datenträgern vom Campingplatz sei ein Polizeianwärter beauftragt worden, der alles in fünf Stunden gesichtet haben will. Doch dies sei unmöglich.

Wer den Anwärter beauftragt habe, sei nicht zu klären. Die Durchsuchungsberichte der Polizeibehörde seien oberflächlich, die Dokumentation schlecht. Das Polizeipräsidium Bielefeld, das den Fall übertragen bekommen hat, habe bei einer erneuten Tatortbesichtigung in der vergangenen Woche weiteres Beweismaterial im Wohnwagen des Hauptverdächtigen gesichtet, darunter 131 CDs. An diesem Mittwoch durchsuchten Fahnder den Wohnwagen erneut. Ein Spürhund fand einen USB-Stick in einer Sesselritze und außerdem weitere Datenträger.

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Wie reagiert die Landesregierung?

Der zuständige Innenminister Reul äußerte wiederholt Kritik an der Arbeit der Polizei. Nachdem bekannt wurde, dass Beweise verschwunden waren, ließ Reul zwei Mitarbeiter der Kreispolizei Detmold ihrer Ämter entheben. So wurde zunächst der Leiter der Direktion Kriminalität von seinen Aufgaben entbunden. Anschließend ordnete der Innenminister an, den Direktor der örtlichen Polizei an das Landesamt für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten zu ersetzen.

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Was sagt die Polizei zu den Vorwürfen?

Der Landrat des Kreises Lippe, zugleich Behördenleiter der Polizei, Axel Lehmann (SPD) entschuldigte sich bei den Betroffenen des Missbrauchsfalls für die offenkundigen Ermittlungspannen. "Dass gravierende Fehler gemacht worden sind, ist unstreitig", sagte Lehmann und versprach Aufklärung.

Der NRW-Landeschef der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Michael Mertens, warnte hingegen vor einer Vorverurteilung von Polizisten. "Das Krisenmanagement des Innenministers sollte nicht nur darin bestehen, Polizisten an den Pranger zu stellen", sagte Mertens. "Missstände müssen benannt werden, aber viele Beamte machen einen guten Job und die fühlen sich nun angegriffen."

Der Bundes- und NRW-Landesvorsitzende vom Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK), Sebastian Fiedler, verteidigte die Polizei gegen die Kritik des Innenministers. "Seit mehreren Jahren weisen meine Kollegen in Lippe darauf hin, dass sie am Limit arbeiten", sagte Fiedler.

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Was will die Opposition?

Der Missbrauchsskandal beschäftigt inzwischen auch den nordrhein-westfälischen Landtag. Grüne und SPD hatten eine Sondersitzung des Innenausschusses beantragt. Die Grünen-Abgeordnete Verena Schäffer warf dem Innenminister vor, den Landtag nicht früh genug über den Vergewaltigungsfall in Lügde informiert zu haben. Sie bezweifelte auch, dass Reul tatsächlich erst am 18. Februar über die Dimension des Missbrauchs informiert worden sei, da er schon früh von Behördenversagen gesprochen habe.

Bereits in der vergangenen Woche hatte der innenpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Hartmut Ganzke, der Bild-Zeitung gesagt, es gebe "genug Stoff für einen Untersuchungsausschuss". Reul lehnte einen Untersuchungsausschuss zuletzt ab.

Mit Material von dpa

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