Quotendiskussionen gehören leider zu den nervigsten Debatten überhaupt. Ich kenne das schon aus den Debatten um die Frauenquote. In ihnen wird scharf geschossen, mit polemischen Argumenten nur so herumgeballert. Man braucht ein ziemlich dickes Fell.

Denn Quotendebatten rühren, wie übrigens alle Umverteilungsdebatten, an das Grundverständnis einer Gesellschaft. Und oft spülen sie die Ressentiments gegen jene Gruppe, für die eine Quote gefordert wird, erst einmal wieder an die Oberfläche, machen sie für viele überhaupt erst sichtbar: Frauen werden schnell zu Quotenfrauen ernannt, Ostdeutsche zu Quotenossis und Migranten zu Quotenmigranten gemacht. Ihnen wird damit noch einmal attestiert, dass sie es aus eigenen Leistungen nicht ganz nach oben schaffen würden. Wie schrieb jemand gerade auf Twitter: "Quoten sind etwas für Loser, die es anders nicht gebacken bekommen." Ihr Makel also wird ein weiteres Mal erneuert und festgeschrieben. 

Fällt es Männern schwerer?

Christian Hirte (CDU), der Ost-Beauftragte der Bundesregierung, hat nun in einem Interview den Forderungen nach einer Ost-Quote vehement und, ja, polemisch widersprochen, noch bevor die Debatte in einer breiteren Öffentlichkeit überhaupt sicht- und hörbar geführt geworden ist. "Eine Quotenregelung für Ostdeutsche führt ins Elend", hat er gesagt. Und hinzugefügt, er sehe keinen "Nachteil, aus den neuen Bundesländern zu sein".

Jana Hensel

Ich persönlich glaube ja, dass es Männern prinzipiell etwas schwerer fällt als Frauen, sich als Teil einer benachteiligten Gruppe zu empfinden und im Zweifelsfall in ihrem Sinne zu äußern. Denn anders als von vielen angenommen, benötigt es durchaus Selbstbewusstsein, die Ressentiments, Kränkungen und häufig auch Stigmatisierungen zu thematisieren, die mit solchen Verdrängungsbewegungen einhergehen. Es ist leichter, solche Verletzungen zu verschweigen, als die Konflikte anzusprechen. Sie treffen nämlich oft ins Zentrum der eigenen Identität.

In erster Linie reagierte Hirte mit seiner Äußerung aber unter anderem auf Gregor Gysi, der sich für "eine strukturelle Lösung" gegen die Benachteiligung von Ostdeutschen ausgesprochen hatte: "Wenn es eine Strukturfrage ist, dann muss man eingreifen und über eine Quote Schritt für Schritt für Gleichberechtigung sorgen." Auch Frauke Hildebrandt, Professorin für Pädagogik an der FH Potsdam und Tochter der SPD-Politikerin Regine Hildebrandt, hatte bereits im vergangenen Jahr gesagt: "Wir brauchen wie eine Frauenquote eine Ostlerquote. In Politik, Verwaltung, in Wissenschaft – bundesweit."

Dass Ostdeutsche in der gesamtdeutschen Elite und auch in den fünf neuen Ländern, in denen sie eigentlich die Mehrheit der Bevölkerung stellen, unterrepräsentiert sind, ist in Wahrheit fast ein alter Hut. Soziologen wie Raj Kollmorgen von der Hochschule Zittau/Görlitz untersuchen und beschreiben dieses Phänomen schon seit vielen Jahren. Nur so richtig interessiert hat es lange Zeit kaum jemand. Erst seit dem vergangenen Jahr redet man darüber lauter und von ostdeutscher Seite auch selbstbewusster. 

81–0

Auch, weil immer mehr Studien das eklatante Missverhältnis beweisen: Zuletzt hatte das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) eine Datenerhebung veröffentlicht, nach der keiner der 81 öffentlich-rechtlichen Hochschulen ein ostdeutscher Rektor oder eine ostdeutsche Präsidentin vorsteht. Ähnlich ist es bei Vorständen von Dax-Unternehmen und in den Leitungsebenen großer Unternehmen. Die Uni Leipzig hat schon 2016 ermittelt, dass Ostdeutsche in den hundert größten ostdeutschen Unternehmen nur ein Drittel der Chefs bilden.