Es ist eigentlich egal, wohin man schaut. Beinahe überall gilt die Faustregel: Je höher man in der Hierarchie geht, desto weniger Ostdeutsche findet man. Eine der wenigen Ausnahmen bildet Angela Merkel, auch Joachim Gauck als Bundespräsident war so eine Ausnahme. Insgesamt ergeht es Ostdeutschen jedoch ganz ähnlich wie Frauen und Migranten – was die Debatte allerdings nicht einfacher macht, sondern eher verkompliziert. Die Erfahrungen dieser Gruppen weisen Unterschiede und Gemeinsamkeiten auf. In jedem Fall sind ihre jeweiligen Binnenverhältnisse komplex.

Ein Problem, das in den Neunzigern entstand

Ich will erst einmal bei den Fakten bleiben, die die Ostdeutschen betreffen. Dafür muss ich kurz zurück in die Neunzigerjahre gehen. Mit der Wiedervereinigung hat die ehemalige DDR die Institutionenarchitektur der Bundesrepublik zur Gänze übernommen. Daraus leitete sich damals der Anspruch ab, dass diese Institutionen erst einmal von Westdeutschen geleitet werden müssten. Der Soziologe Raj Kollmorgen spricht in diesem Zusammenhang von einem Elitentransfer und von sogenannten Kooperativakteuren: Diese Akteure aus dem Westen übernahmen damals die Leitung in Gerichten, Polizeidienststellen und Verwaltungseinheiten; in Parteien, Verbänden und Vereinen; in Schulen und Universitäten; in Akademien, Künstlerverbänden und Stiftungen sowie in Wohlfahrtsverbänden. Einerseits brachten sie das nötige Know-how mit, andererseits konnten so die Machtstrukturen der DDR zerstört werden. Das war nicht zuletzt eine berechtigte Forderung der Friedlichen Revolution von 1989.

Daraus ergab sich aber nun folgende Situation: Kollmorgen belegt, dass beispielsweise in der öffentlichen Verwaltung in den Jahren zwischen 1990 und 1994 ca. 35.000 Westdeutsche zeitweilig oder dauerhaft in die neuen Länder pendelten und der Anteil von ostdeutschen Spitzenbeamten auf Landes- und Bundesebene auf nahezu null zurückging. Ebenso war es auch in anderen Bereichen: in der Elite in Militär, Justiz, Massenmedien und Geistes- sowie Sozialwissenschaften stellten die Ostdeutschen zwischen null und etwa fünf Prozent. Und für die Wirtschaft gilt: 75 Prozent des ehemals volkseigenen Vermögens gingen in die Hände von westdeutschen Personen und Unternehmen. Bei den Großunternehmen gab es fortan keinen einzigen ostdeutschen Eigentümer mehr. 

Eine Demütigung

Eigentlich hätte man schon damals über Quoten, Ost-West-Führungstandems, Doppelspitzen oder befristete Lösungen nachdenken und debattieren müssen. Denn was als notwendige Erneuerung und auch von vielen DDR-Bürgern anfänglich gewünschter Umbau der Gesellschaft begann, führte im Ergebnis dazu, dass die Ostdeutschen in der Mehrheit an den sie selbst betreffenden Entscheidungen so gut wie nicht mehr beteiligt waren. Mehr noch: dass viele, nicht alle, diesen Prozess als eine Demütigung empfanden, weil sie erlebten, dass ihre Lebenserfahrung und ihr Wissen kaum mehr geschätzt und vor allem nicht länger wirklich gebraucht wurden. Zum 20. Jahrestag des Mauerfalls sagten noch 42 Prozent der Ostdeutschen, dass sie sich noch immer als Bürger zweiter Klasse fühlen.

Wenn wir heute beginnen, zaghaft über eine mögliche Ost-Quote nachzudenken und diese Idee hier und da einmal in den öffentlichen Diskurs eingespeist wird – keine Partei hat eine solche Forderung bislang je erhoben –, bedeutet das, dass zum ersten Mal über eine wirkliche Korrektur des 1990 eingeschlagenen Weges nachgedacht wird. Denn nichts anderes zeigen all die neuen Zahlen und Studien: Die nach der Wiedervereinigung eingetretene Situation hat sich auch nach 30 Jahren nur marginal verändert. Die damals geschaffenen Machtstrukturen sind keine Übergangslösungen gewesen, sondern sie manifestieren und reproduzieren sich. Eine Studie, die Zahlen aus dem Jahr 2004 mit denen aus dem Jahr 2016 verglich, kam zu dem Ergebnis, dass die Zahl ostdeutscher Chefs mittlerweile sogar rückläufig ist.

Warum ist das so?

Mir selbst fällt beim Lesen solcher Studien und den Texten, die über diese Studien veröffentlicht werden, immer wieder auf, wie technisch und formelhaft sie klingen. Ich habe das Gefühl, sie schleichen sich wie die Katze um den heißen Brei. Denn warum ist das eigentlich so? Traut man Ostdeutschen nichts zu? Trauen sie sich selbst nichts zu? Welche Rolle spielen Vorurteile und auch Ressentiments? Wie wirkmächtig sind sie?

Solche Fragen sind schwer zu beantworten. Schließlich gibt niemand gern zu, Vorurteile zu haben oder gar Ressentiments zu hegen. Ein Begriff wie Rassismus lässt sich für die Ostdeutschen, die ja keine Ethnie sind, nur schwer anwenden. Die Hallenser Hochschulseelsorgerin Christiane Thiel hat neulich im Deutschlandfunk gesagt: "Wir aus dem Osten sind fast rassistisch benachteiligt." Daraufhin gab es so viele Reaktionen, dass der Sender sie noch in eine zweite Sendung eingeladen hat. Dort hat der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse ihr dann vehement widersprochen.