Auch ich selbst habe Situationen erlebt, in denen ich gekränkt wurde. Ein Ressortleiter hat einmal zu mir gesagt, wir brauchen keine ostdeutschen Redakteure. Migrantische Stimmen: ja. Ostdeutsche: nein. Mehr als einmal sagte mir das auch eine Kollegin und Freundin, auch abends in der Bar beim Wein. Ich bin jedes Mal freundlich geblieben, die anderen haben diese Sätze auch freundlich gesagt. Sie würden, wenn ich sie darauf angesprochen hätte, sicherlich bestreiten, Vorurteile gegenüber Ostdeutschen zu haben. Sie halten meine Perspektive und mein Wissen einfach für erlässlich, vielleicht sogar für überflüssig. Und sie gehen wahrscheinlich davon aus, ich käme damit schon irgendwie klar.

Sich nicht für geeignet halten

Der Soziologe Raj Kollmorgen spricht in diesem Zusammenhang von zwei verschiedenen und sich doch bedingenden Phänomenen: Fremd- und Selbstmarginalisierung nennt er sie. Während die Ostdeutschen nach der Wiedervereinigung vornehmlich von außen marginalisiert wurden, haben viele irgendwann im Laufe der Jahre begonnen, sich selbst zu marginalisieren. Sie hielten sich für Führungspositionen demnach selbst nicht mehr geeignet, sie haben sie nicht länger angestrebt oder für sich in Betracht gezogen, weil sie zu oft bei sich selbst und anderen die Erfahrung gemacht haben, solche Ziele doch nicht erreichen zu können. Im Gegenteil: Die wenigen, die wie Angela Merkel selbstbewusst nach der Macht gegriffen haben, wurden argwöhnisch beäugt. So erklärt Kollmorgen unter anderem die wieder rückläufigen Zahlen.

So aber lernen die Ostdeutschen gar nicht erst, zu führen, Eigensinn und Kreativität als Vorzüge zu schätzen, Macht als etwas Positives zu betrachten und auch anzustreben. So begegnen sich Ost und West nicht auf verschiedenen Hierarchieebenen, kann die eine Seite nicht von der anderen lernen und umgekehrt. So müssen Entscheidungen stets passiv hingenommen werden, anstatt selbst an Lösungen mitzuwirken, Mehrheiten organisieren zu müssen, Meinungsbildungsprozesse zu steuern und in all dem Erfahrungen und Wissen zu generieren, das man an die nachfolgenden Generationen weitergeben kann.   

Kein Verständnis mehr

Noch stehen wir in der Diskussion um eine Ost-Quote ganz am Anfang. Wir wissen bislang noch gar nicht, wovon wir eigentlich sprechen, also wie hoch eine solche Quotenregelung sein könnte, in welchen Bereichen sie angewendet werden kann und wie wir genau definieren wollen, wer ostdeutsch ist und wer nicht.

Aber ich weiß, wie wenig Verständnis unter Ostdeutschen noch für ihre fehlende Repräsentanz übrig ist. Ich bin viel im Osten unterwegs, und irgendwann kommt dieses Thema immer zur Sprache. Weil eine Soziologin, mit der ich mich in Thüringen nach einer Lesung unterhalte, mir erzählt, dass sie an ihrem Lehrstuhl die einzige Ostdeutsche ist. Weil ein Berliner Verlagsmitarbeiter mir berichtet, dass sich kaum einer in seinem Verlag für ostdeutsche Themen interessiert, weil er der einzige Ostdeutsche in einer leitenden Position dort ist. Weil ein Mann in einer Kleinstadt unweit von Berlin mich fragt: Wie sollen wir uns eine Zukunft vorstellen, die sich von der Gegenwart unterscheidet, wenn selbst unsere Kinder nicht in Führungspositionen gelangen?

Eines Tages

Und ich erlebe auch, dass es oft genau diese westdeutsche Funktionselite im Osten ist, die sich einer solchen Diskussion verweigert. Da ist der Minister eines ostdeutschen Bundeslandes, der mir sagt, wir müssen dafür sorgen, dass sich auch weiterhin Leistung durchsetzt; da ist der Oberbürgermeister einer großen ostdeutschen Stadt, der mir widerspricht, es gäbe diese Benachteiligung von Ostdeutschen nicht. Ich würde mir das einbilden.

An Frauenquoten allerdings kann man sehen, dass Quoten viel mehr bewirken als freiwillige Selbstverpflichtungen. Und eines erzählt man den Ostdeutschen seit nunmehr beinahe 30 Jahren: Eines Tages werden sich die Unterschiede wie von selbst erledigen, eines Tages werden auch sie wieder angemessen in Führungspositionen vertreten sein. Bisher sind das nichts als Versprechen gewesen. Wollen wir nicht doch mal langsam anfangen, ernsthaft über eine Ost-Quote nachzudenken?