"Ich hab bald keinen Bock mehr!", ruft Manuel Kreuzer, 24, der Kopf hochrot, die Ärmel von Pulli und Hemd hochgekrempelt. Kreuzer steht im Gastraum eines Wirtshauses im bayerischen Stöttwang, etwa 140 Leute quetschen sich um die hellen Holztische. Einige müssen stehen, weil selbst die Stühle aus den Nebenräumen nicht gereicht haben. Die Bedienung reicht Wurstsalat und Brezen durchs Fenster herein, weil drinnen kein Durchkommen mehr ist.

Die Stimmung ist so aufgeheizt wie die Raumtemperatur. Wer kann, zieht den Pullover aus oder krempelt die Ärmel hoch. Aber auch das hilft nicht gegen die Wut. Er fühle sich angefeindet durch das Volksbegehren, ruft Kreuzer. Er wisse nicht, wie lange er noch so weitermachen könne.

Ein Zweiter steht auf, sagt, seine Tochter werde in der Schule gemobbt, weil ihre Familie in der Landwirtschaft sei. "Ihr seid Umweltsünder", sagen die anderen Kinder angeblich. "Das Volksbegehren ist schuld, dass die Leute gespalten werden!", ruft er aufgebracht.

Eigentlich sollte es an diesem Abend darum gehen, über das aktuelle Volksbegehren mit dem Titel Rettet die Bienen zu informieren. Doch das will hier offensichtlich kaum eine. Von Beginn des Abends an sind die beiden Lager im Raum sichtbar – unentschlossen ist kaum noch jemand. 

Es ist hip, sich für den Feldhamster einzusetzen

Das Volksbegehren Artenvielfalt, so der offizielle Name, dürfte eine der erfolgreichsten bayerischen Umweltkampagnen aller Zeiten sein. Noch vor Ablauf der Frist am morgigen Mittwoch hat das Bündnis seine wichtigste Hürde genommen. Mehr als zehn Prozent der Wahlberechtigten, also über eine Million Bayern, haben in den Rathäusern unterschrieben.

Ziel des Begehrens sind weniger Pestizide, mehr Blühwiesen, mehr öko und bio, mehr Biotopverbünde sowie eine nachhaltigere Ausbildung der Landwirte, um so Bienen und andere bedrohte Tierarten wie Feldhamster, Grashüpfer oder Frösche zu retten. Darüber wird es nun, wo das Zehn-Prozent-Quorum erreicht ist, zu einem Volksentscheid kommen.

Das ist der vorläufige Höhepunkt einer Kampagne, die Befürworter und Gegner wahrscheinlich mehr emotionalisiert als die bayerische Landtagswahl im vergangenen Oktober. Es war in den letzten Wochen unmöglich, dem Thema in Bayern aus dem Weg zu gehen. Lifestyleblogs, auf denen man sonst hauptsächlich Guides zu den besten In-Locations findet, wurden plötzlich politisch, riefen zum Abstimmen auf und posteten Instagramstorys aus der Schlange vor dem Münchner Rathaus. An den vergangenen Samstagen war sie so lang, dass sie sich in Serpentinen mehrmals über den Marienplatz wand. Natürlich ist die Landeshauptstadt das Epizentrum des Volksbegehrens. Hier holten die Grünen bei der Landtagswahl fünf von ihren sechs Direktmandaten.

Das Volksbegehren kommt zu einem günstigen Zeitpunkt. Ob Greta Thunberg und die Schülerproteste, Feinstaubbelastung und Fahrverbote oder Glyphosat: Umweltthemen wühlen immer mehr Menschen auf. Auch in Bayern.