Was ist über den Tatverlauf in Christchurch bekannt?

Am Freitagmittag Ortszeit drang ein bewaffneter Mann in die Al-Noor-Moschee im Stadtzentrum von Christchurch auf der neuseeländischen Südinsel ein. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich mehrere Hundert Gläubige zum Freitagsgebet versammelt. Der Angreifer eröffnete das Feuer und tötete 42 Menschen. Zeugen zufolge trug der Mann einen Helm und eine kugelsichere Weste.

Bei der Polizei ging der erste Notruf um 13.41 Uhr ein. Um 13.47 Uhr war nach Angaben des neuseeländischen Polizeichef Mike Bush die erste Streife an der Al-Noor-Moschee. Innerhalb von zehn Minuten sei dann auch die erste bewaffnete Spezial-Einheit eingetroffen. Der Attentäter hatte sein nächstes Ziel jedoch bereits erreicht, eine zweite Moschee im Vorort Linwood. Hier erschoss er acht weitere Moscheebesucher. Nach seiner Tat flüchtete er mit seinem Auto. Ein Polizeiauto rammte daraufhin seinen SUV, zwei Beamte zerrten ihn heraus und überwältigten ihn. Dies geschah laut Polizei 36 Minuten nach dem ersten Anruf.   

Der Täter streamte den Angriff mit einer Helmkamera live ins Internet. Auf dem 17-minütigen Video ist unter anderem zu sehen, wie er mit einer Schrotflinte in der Hand auf die Moschee zuläuft. Dabei trug er einen Tarnanzug. Vorher filmte er sich bereits bei der Fahrt zur Moschee. In seinem Auto sind mehrere automatische Gewehre und eine Schrotflinte zu erkennen.

Die neuseeländische Polizei warnte nach der Tat auf Twitter, es kursierten "extrem erschreckende Bilder" aus einer der angegriffenen Moscheen im Internet. Sie zeigen einen Weißen mit Kurzhaarschnitt, wie er auf die versammelten Gläubigen feuert. Trotz aller Versuche, die Weiterverbreitung zu verhindern, kursierte das Video auch am Wochenende noch auf verschiedenen Plattformen. Laut Facebook wurden innerhalb von 24 Stunden insgesamt 1,5 Millionen Videos der Tat gelöscht oder während des Hochladen blockiert.
Die Polizei rief dazu auf, das Video nicht weiterzuverbreiten.

Insgesamt wurden bei dem Anschlag 50 Menschen getötet, ebenso viele wurden teils schwer verletzt. Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern sprach von einem terroristischen Angriff. Sie kündigte nach der Tat an, die Waffengesetze in Neuseeland zu verschärfen. Ihr Kabinett will darüber am Montag beraten. In Neuseeland darf man bislang nach einer Überprüfung durch die Behörden schon mit 16 Jahren Waffen besitzen. Dazu benötigt man einen Waffenschein, muss die Waffen aber nicht alle einzeln anmelden. 

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Wer waren die Opfer?

Die Getöteten sind mit hoher Wahrscheinlichkeit alle Muslime. Einer inoffiziellen Liste zufolge war das jüngste Opfer 3 Jahre alt, das älteste 77 Jahre. Viele von ihnen stammen aus asiatischen Ländern. Nach offiziellen Angaben sind unter den Toten mindestens neun Pakistaner und fünf Menschen mit indischer Staatsbürgerschaft. Auch Flüchtlinge, etwa aus Syrien, wurden Opfer des Anschlags. Darüber hinaus gab es 50 Verletzte, von denen am Sonntag noch mehr als 30 in Krankenhäusern behandelt wurden. Einige schwebten noch in Lebensgefahr.

Die neuseeländische Polizei hat eine Website online gestellt, auf der sich Angehörige über vermisste oder verletzte Personen informieren können. Noch sind jedoch nicht alle Leichen identifiziert worden. Nach islamischen Religionsvorschriften sollen Tote möglichst bald nach ihrem Tod, normalerweise innerhalb von 24 Stunden gewaschen und beigesetzt werden. Bis Sonntagabend, mehr als 48 Stunden nach den Anschlägen, war jedoch noch keine Leiche freigegeben. Polizeikommissar Mike Bush sagte, die Behörden seien sich der Lage bewusst und versuchten, die Identifizierungen und Autopsien so schnell wie möglich abzuschließen. Premierministerin Jacinda Ardern sagte, sie rechne damit, dass spätestens am Mittwoch alle Opfer beerdigt werden könnten.

Auf einem Hilfskonto für die Opfer waren bis Sonntag mehr als 4,5 Millionen Neuseelanddollar (2,7 Millionen Euro) eingegangen. Das Geld solle direkt an die Familien der Opfer und Verletzten gehen. Einiges werde laut Stiftung aber auch für Rechnungen und Hilfsdienste verwendet, teilte die zuständige Stiftung mit.

Die Al-Noor-Moschee, die zuerst angegriffen wurde, gehört zur Muslim Association of Canterbury, die sich als multiethnische, gemeinnützige Organisation beschreibt. Die zweite Moschee ist die Linwood-Moschee. In Neuseeland ist nur eine kleine Minderheit der Bevölkerung muslimischen Glaubens. Insgesamt gibt es dort etwa 50.000 Muslime, viele davon Einwanderer aus Staaten wie Pakistan oder Bangladesch. 

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Wer ist der mutmaßliche Täter?

Kurz nach der Tat hatte die Polizei vier Menschen festgenommen, offenbar jedoch ohne Zusammenhang mit dem Anschlag. Mittlerweile geht die Polizei  davon aus, dass es sich um einen Einzeltäter handelt. Bei dem mutmaßlichen Täter handelt es sich um einen 28-jährigen Australier, der seit mehreren Jahren in Neuseeland lebte, zuletzt in der Stadt Dunedin. Am vergangenen Samstag wurde er er von einem Gericht offiziell des Mordes beschuldigt. Während des Gerichtstermins hatte er das "Okay"-Zeichen in die Kameras gehalten, wie es in der englischsprachigen Welt verbreitet ist: Daumen und Zeigefinger zusammengehalten, die anderen Finger abgespreizt. In der rechten Szene gilt dies auch als Geste für "White Power" – die rassistische Idee, dass Menschen weißer Hautfarbe anderen überlegen seien.

Kurz vor der Tat hatte er außerdem ein 74 Seiten langes Schreiben im Internet verbreitet und es zusätzlich per E-Mail verschickt. Zu den Empfängern zählte Premierministerin Ardern sowie andere Politiker und Medien. Offenbar ging das  E-Mail mit dem angehängten Schreiben neun Minuten vor dem Beginn der Anschläge ein – zu spät, um die Tat zu verhindern.

In dem Schreiben erklärte der Täter, die "weiße Rasse" müsse gerettet werden, damit sie nicht "aussterbe". Er sei kein Mitglied einer bestimmten Gruppe oder Organisation, habe aber Kontakt zu vielen nationalistischen Gruppen.

An einer Stelle des Textes bezieht er sich auf die "reborn Knights Templar". Er habe sich an sie gewandt, um "Segen und Unterstützung" für seinen Anschlag zu erhalten und habe beides bekommen. Anders Behring Breivik, der rechtsextremistische Attentäter von Norwegen, hatte behauptet, er habe dabei geholfen, den mittelalterlichen Orden der Tempelritter (Knights Templar) als eine militante Kampfgruppe wiederzugründen. Eine solche Organisation gibt es nicht, offensichtlich ist der Text ein Bezug auf Breiviks Aussage.

Nach eigenen Angaben sei er nur mit dem Ziel nach Neuseeland gekommen sei, den Angriff zu planen und auszuführen. Sein Plan war demnach, nach den ersten beiden Angriffen noch ins 90 Kilometer entfernte Ashburton zu fahren und dort eine dritte Moschee anzugreifen, schrieb er.

Nach der Tat wurden bei ihm fünf Waffen sichergestellt, halbautomatische Feuerwaffen, Schrotflinten und auch Sprengstoff. Seit 2017 war er im Bestz eines  Waffenscheins und war Mitglied in einem Schützenverein. Nach Regierungsangaben hatte der Mann weitere Morde geplant. "Er hatte absolut die Absicht, seine Attacke fortzuführen", sagte Premierministerin Ardern. Der Australier soll sich vor dem neuseeländischen Justizsystem für seine Tat  verantworten. Ihm droht lebenslange Haft. 

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Was ist der Hintergrund des Anschlags?

Wegen den noch laufenden Ermittlungen äußerte sich die Polizei bisher nicht genauer zu den Hintergründen der Tat. Das von einem der mutmaßlichen Täter veröffentlichte Video enthält aber mehrere Bezüge, die darauf hindeuten, dass es sich bei ihm um einen Rassisten und Neonazi handelt. So hat er auf der Waffe, mit der er auf die Opfer feuerte, mehrfach mit weißer Farbe die Zahl 14 geschrieben. Die Zahl ist Bezug auf die sogenannten 14 Wörter: "We must secure the existence of our people and a future for white children." Diese Forderung, die "weiße Rasse" zu schützen, ist weltweit in der Neonaziszene verbreitet. 

Im Video sieht man auch die taktische Weste, die von Augenzeugen beschrieben wurde. Sie wird von Soldaten und Polizisten getragen, um Munition und Funkgeräte zu transportieren. Vorn auf der Weste ist die sogenannte schwarze Sonne angebracht, ein unter Neonazis verbreitetes Symbol.

Wie mehrere französische Medien berichten, war der mutmaßliche Attentäter im Jahr 2017 in Frankreich zu Besuch. Dort habe er sich über eine angebliche "feindliche Übernahme" Europas durch muslimische Migranten und Geflüchtete informiert und sich von den auch in Frankreich weit verbreiteten Verschwörungstheorien radikalisieren lassen. Er sei durch das Land gereist und habe dabei "überall die Invasion Frankreichs durch Nichtweiße" beobachtet, heißt es in mehreren übereinstimmenden Berichten. 

In französischen Medien wird darüber hinaus berichtet, dass der Mann nach der Wahlniederlage der rechtsextremen Kandidatin Marine Le Pen bei den französischen Präsidentschaftswahlen im Jahr 2017 "enttäuscht" gewesen sei. Er habe in der Politikerin des heutigen Rassemblement National eine Möglichkeit gesehen, die angebliche Islamisierung des Abendlandes zu stoppen. Den Sieg von Emmanuel Macron soll er als Schlüsselmoment in seiner Planung für das Attentat in Christchurch bezeichnet haben.

In seinem vor dem Attentat veröffentlichten "Manifest" schreibt der mutmaßliche Terrorist dementsprechend vom "Verschwinden europäischer Völker und deren Austausch durch Muslime". Dem Wissenschaftler Peter Neumann zufolge, Professor für Sicherheitsstudien am King's College London, zeigt das Manifest, dass sich der mutmaßliche Attentäter in einer Tradition mit dem rechtsextremen Norweger Anders Breivik und seinem Anschlag von 2011 sieht.

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Welche Terrorangriffe gab es in der Vergangenheit?

Der Anschlag ist der schwerste, der Neuseeland je getroffen hat. 2008 hatte eine junge Frau versucht, ein Flugzeug zu entführen. 1984 explodierte eine Bombe, versteckt in einer Aktentasche, in einem Handelszentrum in Wellington. 1982 beging ein selbst ernannter Anarchist einen Selbstmordanschlag auf ein Computerzentrum der neuseeländischen Polizei.

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