Ein ehemaliger britischer Soldat, der am sogenannten Bloody Sunday 1972 in der nordirischen Stadt Londonderry beteiligt war, muss sich wegen zweifachen Mordes vor Gericht verantworten. Ihm wird zudem versuchter Mord in vier weiteren Fällen vorgeworfen. Das hat die Staatsanwaltschaft in Nordirland bei einem Treffen mit Angehörigen der Opfer bekannt gegeben. Gegen 18 weitere Verdächtige gibt es demnach nicht genügend Beweismaterial, um eine Strafverfolgung zu rechtfertigen.

Die Entscheidung der Staatsanwaltschaft gilt als bedeutender Schritt in der Aufarbeitung des Nordirlandkonflikts. Am Bloody Sunday im Jahr 1972 hatten britische Fallschirmjäger in der nordirischen Stadt Londonderry – die Katholiken nennen sie Derry, die Protestanten Londonderry – 13 katholische Demonstranten erschossen. Ein weiterer Demonstrant war Monate später an seinen Verletzungen gestorben. In der Folge hatte sich der Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten verschärft. Die irisch-republikanische Untergrundorganisation IRA hatte in den Monaten danach mehrere Anschläge verübt.

Bisher hatte der Fall für die verantwortlichen Sicherheitskräfte jedoch keine strafrechtlichen Konsequenzen. Eine von der britischen Regierung eingesetzte Kommission war wenig später zu dem Schluss gekommen, die Elitesoldaten hätten in Notwehr gehandelt. Auch ein britisches Gericht hatte das Vorgehen der Soldaten als legitime Notwehr gegen irische Terroristen gewertet. Eine 2010 veröffentlichte Studie war dagegen zu dem Schluss gekommen, dass die Schüsse nicht gerechtfertigt waren.

Die britische Nordirlandministerin Karen Bradley hatte erst kürzlich für Proteste gesorgt, weil sie im Londoner Parlament erklärt hatte, dass Tötungen durch britische Soldaten und Polizei im Nordirlandkonflikt nicht als Verbrechen zu werten seien.

In dem über Jahrzehnte währenden Nordirlandkonflikt standen katholische Nationalisten, die eine Vereinigung mit Irland anstreben, protestantischen Unionisten gegenüber, die weiterhin zu Großbritannien gehören wollen. Dem Konflikt fielen mehr als 3.500 Menschen zum Opfer. Im Jahr 1998 wurde er durch das sogenannte Karfreitagsabkommen beendet.