Sexuellen Missbrauch von Kindern gab es nicht in der DDR – nicht offiziell. Die Vorstellung, im selbst ernannten Arbeiter- und Bauernstaat könnten sich einige Arbeiter und Bauern an Schutzbefohlenen vergehen, war mit dem Anspruch des SED-Regimes nicht vereinbar, das moralisch überlegene Gesellschaftssystem zu sein. So heißt es in dem 1970 in der DDR publizierten Buch Gewalt- und Sexualdelikte: "In der DDR wurden im Ergebnis der gesellschaftlichen Umwälzungen die kapitalistische Ausbeutung als soziale Hauptursache der Kriminalität und damit auch die Gewalt- und Sexualdelikte beseitigt."  

Dabei konnten die Machthaber sehr wohl wissen, dass das Ausmaß des sexuellen Kindesmissbrauchs im Osten ähnlich hoch war wie im Westen, ergab eine Studie im Auftrag der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs im vergangenen Jahr. Doch um dies zu vertuschen, wurden Opfer nicht gehört, Kriminalstatistiken geheim gehalten und unzureichend geführt, Täter in den wenigsten Fällen verurteilt und, wenn überhaupt, nur milde bestraft. Die Folge war ein erzwungenes Schweigen. Es überlebte die DDR und geriet erst nach 2010 mit der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs unter dem Dach der Kirche in den Fokus der Forschung.  

Was die Studie von 2018 jedoch nur unzureichend erfasste, waren die individuellen Schicksale der Überlebenden. Das holt eine Fallstudie nun nach. Einer der Betroffenen ist Siegfried M. Er wurde von einem Erzieher im Kinderheim vergewaltigt. "Irgendwann", beschreibt M. in der Studie, "hat er von mir gelassen, hat sich angezogen und hat gesagt: 'Du brauchst keinem was zu erzählen, dir glaubt keiner was.' Und ist gegangen." Am Abend lagen zwei Tafeln Schokolade auf M.s Kopfkissen, ein Geschenk des Heimleiters. "Da wollte ich nur noch eines: Ich wollte weg. Weg aus diesem Heim, dass mit mir so was nicht wieder passiert. Ich hatte eine Heidenangst."

105 Anhörungen führten die Forscher um Beate Mitzscherlich von der Westsächsischen Hochschule Zwickau und Cornela Wustmann von der Technischen Universität Dresden durch, 34 Betroffene schilderten schriftlich ihre Erfahrungen.

Sexuellen Missbrauch, so ein Ergebnis der Fallstudie, gab es in allen Schichten und Berufsgruppen der DDR. Meist geschah er wie auch im Westen im Schutzraum der Familie. In der DDR habe die Familie jedoch den "ideologischen Auftrag des gesellschaftlichen Erziehungsgedankens" zu erfüllen gehabt, wie es in der Fallstudie heißt. Schließlich sollte in der Familie die "sozialistische Persönlichkeit" entwickelt werden, weshalb die Familie auch unter besonderer Beobachtung des allgegenwärtigen Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) stand. Opfer sexuellen Missbrauchs hätten unter einer "hochgradigen Verschwiegenheitsverpflichtung" gestanden, heißt es in der Fallstudie. Sie konnten mit niemandem darüber reden, was es im sozialistischen Einparteienstaat nicht geben durfte.   

Niemand setzte den Erziehern Grenzen

Doch nicht nur im Schutzraum der Familie gab es sexuellen Missbrauch. Er kam, wie die Fallstudie ebenfalls erforscht, auch in den staatlichen Institutionen der Heimerziehung vor. Dort wurde Siegfried M. zum Opfer gemacht. Wie er hat auch Corinna Thalheim das Repressionssystem der DDR-Heimerziehung er- und überlebt. Sozial auffällige Kinder und Jugendliche sollten in den Jugendwerkhöfen der DDR zu "guten Sozialisten" umerzogen werden. Dazu war den Erziehern jedes Mittel recht. "Wir waren der Willkür unserer Erzieher schutzlos ausgeliefert", erinnert sich Thalheim bei der Vorstellung der Fallstudie. Physische und psychische Gewalt waren an der Tagesordnung. Zum sexuellen Missbrauch kam es, weil niemand den Erziehern Grenzen setzte. 

Im Jahr 1984 wurde Thalheim wegen "Schulbummelei" den Eltern entzogen und in den Jugendwerkhof Lutherstadt Wittenberg eingewiesen. Dort begann, was die Forscher der Unabhängigen Kommission die "Eskalation der Heimkarriere" nennen. Wie viele der Zwangseingewiesenen versuchte sie, zu fliehen, andere begingen Selbstmord. Nach einem Fluchtversuch kam Corinna Thalheim im Jahr 1985 in den Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau. Der Jugendwerkhof war berüchtigt in der DDR. Beate Mitzscherlich von der Westsächsischen Hochschule Zwickau nennt Torgau das "Herz der Finsternis" im Heimsystem der DDR. Bis Ende der Achtzigerjahre wurden Kinder hier systematisch gebrochen. "Es war die organisierte Gewalt", sagt Corinna Thalheim heute.