Kai Hafez forscht seit fast 25 Jahren zum Bild des Islam in den Medien und zur Islamfeindlichkeit im Westen. Im Interview erzählt er, warum er sich Sorgen macht, dass ein Attentat wie in Christchurch auch in Deutschland passieren könnte.

ZEIT ONLINE: Herr Hafez, wie groß ist das Problem mit Islamfeindlichkeit in Deutschland?

Kai Hafez: Über 50 Prozent der Deutschen sind anfällig für Islamfeindlichkeit. Wir haben da eine richtige Zweitteilung in unserer Gesellschaft: eine liberalere Hälfte und eine für Islamfeindlichkeit hochgradig anfällige Hälfte. In einigen Regionen Deutschlands, in Thüringen und Sachsen etwa, steigt die Islamfeindlichkeit bis zu 70 Prozent und mehr an. Die Islamfeindlichkeit bewegt sich in Deutschland nicht nur an den Rändern, sondern sie ist weit in die Mitte dieser Gesellschaft vorgedrungen.

ZEIT ONLINE: Warum lehnen Menschen den Islam ab?

Hafez: Es gibt politische, soziale und kulturelle Ursachen. Politisch erzeugen die klassischen Stereotype vor allem der Rechten vom gewaltsamen, fanatischen und frauenverachtenden Islam Angst und Ablehnung bei den Bürgern. Die Resonanz dieser Themen in den Medien verstärkt das. Kulturell betrachtet stellt unser Bildungssystem kaum alternative Informationen zur Verfügung. Islamwissen in Schulen und auch in Teilen der Wissenschaft ist oft sehr mangelhaft. Und dieser Angstcocktail wirkt dann in sozial schwächeren Milieus, dort, wo es den Menschen nicht gut geht, wenig Kontakt zu Muslimen besteht und Sündenböcke für den eigenen Frust gesucht werden.

ZEIT ONLINE: Ist das eine deutsche Besonderheit oder gibt es Islamfeindlichkeit auch in anderen Ländern?

Kai Hafez © privat

Hafez: Islamfeindlichkeit ist heute in allen westlichen Ländern ausgeprägt. In Deutschland, den Niederlanden und in Zentraleuropa interessanterweise etwas mehr als in den alten Kolonialländern England und Frankreich. Die lange muslimische Einwanderungsgeschichte hat zu vermehrten persönlichen Kontakten in den Gesellschaften und zu einer stärkeren kulturellen Akzeptanz beigetragen. Wir reden hier von einer statistisch um ungefähr zehn Prozent geringeren Islamfeindlichkeit in diesen Ländern, und dies, obwohl dort mehr und schlimmere islamistische Terrorattentate stattfanden.

ZEIT ONLINE: Wie funktioniert Islamphobie?

Hafez: Zum Beispiel über ideologische Akteure, die ein bestimmtes Bild von "dem" Islam erzeugen. Sie betrachten den Islam nicht als Religion, sondern als Ideologie, gegen die man berechtigterweise feindlich sein kann und muss. Darum fällt der Islam auch nicht unter die Religionstoleranz. Die Religion wird zu einer politischen Gefahr umetikettiert. Wir haben in der repräsentativen Studie Religionsmonitor für die Bertelsmann Stiftung zeigen können, dass die gleichen Menschen, die sich für tolerant gegenüber allen Religionen erklären, vielfach feindlich gegenüber dem Islam sind. Sie argumentieren, dieser passe nicht hierhin, er bedrohe uns und sei daher hier unerwünscht. Das können diese vorgeblich toleranten Menschen im selben Atemzug sagen, weil sie eben den Islam gar nicht als Religion oder schützenswerte Kultur betrachten, sondern als eine feindliche Gesinnung.

ZEIT ONLINE: Von welchen Akteuren sprechen wir hier?

Hafez: Die Doppelmoral des Islambildes ist sehr verbreitet und findet sich auch im sozialdemokratischen und liberalen Bürgertum. Ideologisch am schärfsten formuliert wird sie aber von allen politischen Kräften, die rechts von der CDU tummeln. Hier existiert ein ganz klar islamfeindliches Programm. In Deutschland sind das die AfD und verwandte populistische Akteure, sie betreiben aus meiner Sicht klassische Islamfeindlichkeit. Hier und da versuchen sie, ihre Feindlichkeit zu verschleiern, indem sie gesetzeskonforme Muslime für willkommen erklären – so steht es zum Beispiel im Grundsatzprogramm der AfD. Letztlich überwiegen aber Aussagen, die Muslime und den Islam generell zu einer Bedrohung erklären. Hier wird klar mit Islamfeindlichkeit operiert und eine Erregung erzeugt, die permanent Zweifel darüber wachhält, ob der Islam eine Legitimation zur Anwesenheit in Deutschland hat. Rechtspopulistische und rechtsextremistische Akteure hegen keinerlei Toleranz gegenüber dem Islam, und dadurch verstoßen sie massiv gegen die Grundsätze der Gleichwertigkeit von Religionen und Ethnien, wie sie in unserer Verfassung verankert sind. Hier wird eine fundamentale und identitäre Differenz konstruiert: Der Islam passe nicht zu uns, er gehöre nicht hierher, er sei eine Bedrohung.