"Beginnen wir nochmal von vorn!" Diese vermutlich erstmal schockierend wirkende Forderung stellt der Autor (und Katholik) Erik Flügge an die evangelische Kirche. Von vorne heißt: Bei Luther. In seinem neuen Buch "Nicht heulen, sondern handeln" fordert Flügge die Protestanten zu Mut und Widerspruch auf. Hier ein Auszug. 

Der evangelische Gottesdienst ist tot, er wird nicht mehr lebendig. Das ist eine der bitteren Wahrheiten, denen sich der Protestantismus endlich stellen muss. Ihre Mitglieder haben das schon längst getan. 97 Prozent kommen nicht in den Gottesdienst. Diejenigen, die es noch tun, sind der kleine Rest, der nicht wahrhaben will, was längst Wahrheit geworden ist.

Statt aber die Erkenntnis zuzulassen, dass der Gottesdienst nicht mehr gebraucht wird, greift man panisch nach alternativen Erklärungsmustern ohne erklärende Kraft. Die Predigt sei vielleicht das Problem, weil sie nicht mehr gut genug gesprochen sei. Ich muss Sie enttäuschen, eine Predigt hören nur die, die kommen, und es kommt fast keiner mehr. Die Kirchenmusik sei vielleicht nicht modern genug. Ich muss Sie enttäuschen, Musik hören nur die, die kommen, und es kommt fast keiner mehr. Vielleicht bräuchte man mehr Rituale und weniger Purismus. Ich muss Sie enttäuschen, Rituale erleben nur diejenigen mit, die kommen, und es kommt fast keiner mehr. Sie können am Format des Gottesdienstes so viel drehen, wie Sie wollen.

Zurück auf Los

Doch dessen Ende muss Sie nicht erschrecken, es könnte die Protestanten sogar erfreuen. Sie müssen sich einfach mal an den Anfang Ihrer protestantischen Kirche zurück erinnern. War nicht eine der theologischen Ideen im Mittelpunkt der Reformation die Idee vom Priestertum aller Gläubigen – also das Ausbrechen aus der Idee, dass zwischen Gott und dem Menschen noch ein Priester steht, der diese Mensch-­Gott-Beziehung überhaupt erst eröffnet? War nicht die Idee, dass der einzelne Mensch direkt mit Gott in eine Beziehung eintreten kann und dass es dazwischen keine Kirche braucht? Ist das nicht der Grund, warum evangelische Christinnen und Christen in der Bibel lesen und mit der Tageslosungen versuchen sollen, sich selbst ganz privat in Beziehung zur Göttlichkeit zu setzen? Ist das nicht der Grund, warum Sie nicht andächtig darauf warten, bis Ihnen der Papst sagt, was Sie zu glauben haben, sondern selbst zu glauben wagen?

Der Gottesdienst im Protestantismus ist gar keine theologische Notwendigkeit, wie er es im katholischen Glauben ist. Ein protestantischer Gottesdienst war immer eine Behelfskonstruktion zur Instruktion. Deshalb funktioniert er auch wie eine Mischung aus Grundschuldidaktik und einer Vorlesung an der Universität. Weil er im Grunde gar nichts anderes ist.

Der Professor Luther ging in den Gottesdienst und hielt dort eine ganze Vorlesung. Er dozierte über die Heilige Schrift, er belehrte und ermutigte zum Denken. Genauso macht man es mit Studierenden heute an jeder Hochschule. Damit der Stoff auch wirklich hängen bleibt, unterlegte Luther seine Lerntexte mit Melodien von Volksliedern und ließ seine Gemeinde diese Texte singen. So macht man es noch heute mit jedem Grundschulkind.

Der protestantische Gottesdienst ist eine Behelfskonstruktion der Inst­ruktion – mit dem Ziel, dass der Mensch seine eigene Mündigkeit erreicht. Ein Glaubenskurs, der den Gläubigen die Erwartung ab­trainieren soll, dass es einen Priester braucht, der die Wahrheit spricht, statt selbst eine eigene Beziehung zur allerhöchsten Göttlichkeit zu pflegen. Es ist beinahe vollbracht! Das Priestertum aller Gläubigen ist beinahe da. Fast jede Protestantin und fast jeder Protestant braucht heute die Belehrung durch die Pfarrerinnen und Pfarrer nicht mehr, um eine eigene Spiritualität zu entwickeln. Nur drei Prozent der Protestanten sitzen noch da und hoffen, dass ein ande­rer etwas in der Predigt erklärt, statt selbst zu denken.