Es dämmert bereits im Wald, Cloud sägt an einem Balken. Er arbeitet an einer zweiten Etage für sein Baumhaus, das hoch oben auf dem dicken Ast einer Eiche liegt. "Es könnte sein, dass bald wieder mehr Menschen kommen", sagt er. "Auch wenn ich da oben eigentlich lieber allein bin, könnte ein zweiter Schlafplatz bald gebraucht werden." Denn Clouds Baumhaus befindet sich im Hambacher Forst, und gerade beschäftigt sich erneut ein Gericht mit dessen Zukunft.

Im Spätsommer 2018 kam Cloud hierher. Ein Freund hatte ihm gesagt, er solle sich den Hambacher Forst anschauen, solange es ihn noch gebe – und Cloud ist geblieben. "Es ist ein wunderschöner Ort zum Leben. Irgendwie gehört der Wald zu mir und ich gehöre in diesen Wald." Wenn er das sagt, klingt es fast romantisch. Dabei ist es gerade ziemlich ungemütlich hier. Die Sonne ist beinahe untergegangen, es ist bitterkalt und heftige Böen pfeifen durch das Geäst. "Nudeln oder Couscous?", fragt er eine Mitstreiterin, die ebenfalls in Lluna wohnt, einem Baumhausdorf, an dem sie seit vergangenem Dezember emsig basteln.

Lluna ist Katalanisch und heißt Mond oder auch Mädchen. Früher hieß die Siedlung Gallien. Es war das Dorf mit den meisten Bewohnern im Hambacher Wald. Doch Gallien gibt es nicht mehr und auch die meisten der damaligen Bewohner sind nicht mehr da. Lluna hat derzeit fünf Einwohner.

Neue Aktivisten im Forst

Im Hambacher Forst, auf den im September vergangenen Jahres fast die ganze Welt schaute, ist es ruhig geworden. Es gebe hier nun eine neue Zeitrechnung, sagt Cloud: die Zeit vor der großen Räumung und die danach. Es ist, als würde er über eine Schlacht reden, die jetzt schon historisch ist und eines Tages Dutzende Seiten in Geschichtsbüchern füllen wird. "Sie haben unsere Gemeinschaft, unsere Familien zerstört, unsere Baumhäuser und Strukturen kaputtgemacht und Bäume abgeholzt", sagt er. "Seitdem ist nichts mehr, wie es war."

Viele Aktivisten seien gegangen, neue seien gekommen. Zwischen 50 und 100 sollen es derzeit sein, die eifrig an neuen Bauten in teils schwindelerregender Höhe zimmern. Zahlreiche Barrios sind wieder entstanden, wie die Aktivisten ihre kleinen Waldgemeinden nennen. Aber es sei nicht mehr dasselbe, sagt Cloud. Schon damals, als die Polizei den Wald auf Veranlassung des NRW-Innenministeriums mehrere Wochen lang mit Tausenden Beamten im Schichtsystem belagerte und die Aktivistinnen und Aktivisten nach und nach mit Hebebühnen von den Bäumen holte, konnte man einigen Besetzern die Erschöpfung anmerken. Viele waren psychisch schwer angeschlagen, manche sehnten gar die Räumung herbei, damit der Stress endlich ein Ende haben möge. "Es war die schlimmste Erfahrung meines Lebens", sagt Cloud.

Vor allem hat der Konflikt dem Wald schwere Wunden zugefügt. Weite Teile wurden platt gewalzt, damit Räumpanzer und schweres Gerät zu den besetzten Bäumen gebracht werden konnten. Wo früher dichter Wald war, sind heute kahle Flecken und Schneisen. Wie gewaltige Narben ziehen sie sich durch den Forst. An manchen Bäumen erinnern Tafeln an die Geschehnisse im September 2018. Ein Wegweiser am sogenannten Jesus Point, einer kleinen Kreuzung mitten im Wald, zeigt, wo für die Besetzer der Erzfeind zu finden ist. Im Norden liegt "Mordor", das Böse aus Der Herr der Ringe. Gemeint ist das riesige Loch des Tagebaus am Rande des Forsts.

Im vergangenen Herbst bereitete man mit der Räumung den Beginn der Rodungssaison für den Energiekonzern RWE vor, auch wenn das die NRW-Landesregierung bis heute nicht offiziell einräumt und stattdessen mangelnden Brandschutz als Grund für die Räumung nennt. RWE wollte weitere Teile des ohnehin bereits stark dezimierten Waldes abholzen, um Platz zu machen für den Braunkohletagebau. Doch kaum war die Räumung beendet, untersagte das Oberverwaltungsgericht Münster (OVG) dem Energiekonzern die geplante Rodung. Für das Unternehmen war das eine herbe Niederlage. Unter den Aktivisten aber herrschte Partystimmung. Nun wird am Dienstag erneut über die Zukunft des Waldes verhandelt.