Die regelmäßig freitags stattfindenden Demonstrationen für mehr Klimaschutz sind – zumindest in Deutschland  – vor allem ein Protest der gut gebildeten Mittelschichtkinder. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind jung, überwiegend weiblich und politisch meist sehr gut informiert. Fragt man sie nach dem Grund ihres Engagements, sagen fast alle, es gehe ihnen um die Zukunft. Das besagt eine Studie, die das Institut für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) am Dienstag vorgestellt hat.

Demnach sind rund 60 Prozent der Demonstrierenden Mädchen und junge Frauen. Mehr als die Hälfte stammt aus einem Akademikerhaushalt, und mehr als 90 Prozent streben das Abitur an oder haben die Prüfung bereits absolviert. Der überwiegende Teil hofft, durch die Fridays-for-Future-Proteste die Politik zum Handeln bewegen zu können.

Für die Studie befragten die ipb-Forscher rund 680 Menschen, die am 15. März 2019 an den Kundgebungen in Berlin und Bremen teilgenommen hatten. Mit manchen führten sie gleich während der Protestveranstaltungen ein Interview. Andere befragten sie online durch Formulare, die nur durch einen einmalig gültigen Zugangscode erreichbar waren, den sie zuvor auf den Demonstrationen verteilt hatten. So sollte möglichst sichergestellt werden, dass nur Menschen an der Befragung teilnahmen, die tatsächlich bei den Protesten dabei waren. Finanziert wurde die Studie durch die Stiftung 100% erneuerbar, die Heinrich-Böll-Stiftung und die Otto-Brenner-Stiftung.

In acht weiteren europäischen Ländern interviewten andere Forschungsgruppen ebenfalls am 15. März Demonstrantinnen und Demonstranten. Die Ergebnisse für Deutschland waren die ersten, die nun veröffentlicht wurden. Sie gelten als repräsentativ. 

Die Wissenschaftler wollten wissen: Wer sind die Schülerinnen und Schüler, die freitags für das Klima die Schule schwänzen? Handelt es sich wirklich um eine neue Protestgeneration, und mit welcher Motivation besuchen sie die Kundgebungen?

Sie tun selbst etwas

Die Befragung zeigt: Die Proteste sind nicht von einer Lobby gesteuert. Die Teilnehmenden wissen gut Bescheid über den Klimawandel. Es geht ihnen auch nicht um den Protest als Event, vielmehr hat die überwiegende Mehrheit der Befragten ihre Lebensweise bereits verändert, um selbst einen Beitrag für den Klimaschutz zu leisten. Mehr als 80 Prozent kaufen gezielt ökologische Produkte, und mehr als zwei Drittel schränken den eigenen Konsum für das Klima ein. Fast jede und jeder Fünfte hat für den Klimaschutz schon einmal einen Politiker kontaktiert.

Dabei glauben die meisten, dass weder die Politik noch die Wirtschaft derzeit in der Lage sind, Lösungen für das Klima zu finden. Am ehesten trauen sie das noch der Wissenschaft zu. Zudem sind sie der Ansicht, dass jeder Einzelne etwas tun müsse und seinen eigenen Lebensstil ändern sollte. Sie demonstrieren trotzdem, weil sie überzeugt sind, nur durch einen breiten Protest über Ländergrenzen hinweg Druck auf die Politik aufbauen zu können, doch aktiv zu werden. Erfahrungen mit Demonstrationen haben dabei allerdings die wenigstens: Für die meisten ist es das erste Mal, dass sie für ein politisches Ziel auf die Straße gehen.

Der Protestforscher Dieter Rucht, Senior Fellow am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und Mitglied des ipb-Vorstands, interpretiert die Ergebnisse als Zeichen für eine neue Protestgeneration. Eine neue Qualität sei es, dass sich die Jugendlichen und jungen Erwachsenen überall auf der Welt selbst organisieren, sagt der Forscher. Noch wichtiger als soziale Netzwerke sind, das ergab die Befragung, aber persönliche Freunde und Bekannte. Zwei Drittel hat über diese Kanäle von den Protesten erfahren. Auch Greta Thunberg wird als Vorbild gesehen. Organisationen wie etwa Umweltverbände oder Parteien spielen dagegen fast gar keine Rolle. Sie waren nur für knapp vier Prozent der Befragten wichtig.