Viel stärker gewichtet Rucht jedoch die Spielregeln der Aufmerksamkeitsökonomie: "Medien brauchen Gesichter zu einem Protest." Nicht umsonst bekommt Greta Thunberg an diesem Woche ausgerechnet den deutschen Film- und Fernsehpreis Goldene Kamera verliehen. Das amerikanischen Time Magazine hat sie jüngst in die Liste der 25 einflussreichsten Teenager des Jahres 2018 aufgenommen. Es scheint, als würden viele Ältere versuchen, den für sie potenziell bedrohlichen Protest auf die harmlose Geschichte eines jungen Mädchens zu reduzieren: Wem wir einen Preis geben, kann uns nicht mehr gefährlich werden.  

Die Gefahr der Personalisierung

Es war übrigens Rudi Dutschke selbst, der in eindrücklichen Worten vor Personenkult warnte: "Die Übereinstimmung in der Reaktion der Presse auf das Attentat auf King, Kennedy und mich ist enthüllend. In der Vorstellung der Zuschauer und in den Denkkategorien der Illustratoren der Geschichte nimmt der charismatische Führer immer noch eine zentrale Stelle ein. Sie werden es aber lernen müssen, dass es uns im antiautoritären und sozialistischen Kampf nicht um einzelne 'begnadete' Gestalten geht."

Nun geht es Thunberg nicht um den Sozialismus, aber der Mechanismus könnte der gleiche sein. Als sie sich vor wenigen Tagen unpräzise zum Thema Kernenergie äußerte, versuchten Kritiker dies als Beleg für die widersprüchliche Naivität der Fridays-for-Future-Bewegung auszulegen. Die Möglichkeit des Erfolgs oder Scheiterns des Protests scheint noch immer stark an die Person Thunberg gebunden zu sein. Darum warnt Forscher Rucht vor einer zu starken Fixierung auf die 16-jährige Schwedin: "Erfolgreiche Proteste werden heute von zahlreichen Akteuren getragen. Es gibt die Theoretiker, die Organisatoren, die Vermittler und die Strategen. Thunberg aber ist nur das Gesicht einer Bewegung."

Wie beim Staatsbesuch

Auf dem Weg zum Brandenburger Tor stehen Scharen von Schaulustigen Spalier. Grundschüler rufen Thunbergs Namen, drängen sich durch, um einen Blick auf ihr Idol zu erhaschen. Ein Auflauf wie bei einem Staatsbesuch. Abgeschirmt von Dutzenden untergehakten Ordnern, die Fans und Presse fernhalten. 

Mit einer Stunde Verspätung betritt sie schließlich die Bühne der Abschlusskundgebung am Brandenburger Tor. Die Hände in der Manteltasche verborgen. Tausende Smartphones schneiden ihre nur drei Minuten dauernde Ansprache mit, die phasenweise unter frenetischen Jubelschreien untergeht. "Wir wollen eine Zukunft, ist das zu viel verlangt?", sagt sie. Ihre Rede ist einfach, formelhaft.  Sie sagt nichts zur Atomkraft und auch sonst nichts, was sich missverstehen lässt.

Kämpferisch recken hinter ihr die Organisatoren der Fridays-for-Future-Bewegung die Fäuste in den Berliner Himmel. "Greta! Greta! Greta!" skandiert die Menge. Sie aber nickt nur freundlich, klatscht zaghaft in ihre Handschuhe. Mehr nicht.

Greta Thunbergs Rolle, das zeigt ihr kleiner Auftritt in Berlin, ist nicht komplex. Sie ist eine 16-Jährige, die die Dinge beharrlich und klar anspricht. Viele ihrer Fans, ob jung oder alt, scheinen sich genau danach zu sehnen: Klarheit und Konsequenz. Das reicht offenbar, um ein Idol zu sein.