Der Generalbundesanwalt hat nach Informationen von ZEIT ONLINE Anklage gegen einen Bekannten des Weihnachtsmarktattentäters Anis Amri erhoben, weil er angeblich vorhatte, einen Anschlag zu begehen. Die Bundesanwälte werfen dem 31-jährigen russischen Staatsbürger Magomed-Ali C. die "Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat" vor. Angeklagt wird er vor dem Kammergericht in Berlin, seit seiner Festnahme im Spätsommer 2018 sitzt C. in Untersuchungshaft.

Der Generalbundesanwalt führt das Verfahren wegen "der besonderen Bedeutung des Falles". Der russische Islamist soll vorgehabt haben, zusammen mit Amri und einem gemeinsamen Freund einen Sprengstoffanschlag in Deutschland zu verüben. Kennengelernt haben sollen sich C. und Amri kurz vor Weihnachten 2015 in der Berliner Fussilet-Moschee, jenem Gebetshaus, in dem Amri zeitweilig wohnte. Fast auf den Tag genau ein Jahr später steuerte Amri einen Lastwagen auf den Berliner Breitscheidplatz und tötete zwölf Menschen.

Amris Anschlag mit dem Lastwagen war aber offenbar nur Plan B. Denn in den letzten Tagen des Jahres 2015 hatte sich in der Fussilet-Moschee eine Gruppe von drei Männern zusammengefunden, in der Magomed-Ali C. eine zentrale Rolle gespielt haben soll. Nach Angaben der Ermittler war er es, der Amri mit seinem Bekannten, dem französischen Islamisten Clément B., zusammengeführt hatte.

Terrortrio

Die beiden Männer, C. und B., hatten sich 2013 in Belgien kennengelernt. Der aus der russischen Teilrepublik Dagestan stammende Magomed-Ali C. hatte sich in Deutschland um Asyl bemüht, war dann nach Belgien gereist und bald darauf nach Deutschland zurückgekehrt. Nach Informationen von ZEIT ONLINE wurde den Sicherheitsbehörden im Juni 2015 bekannt, dass sich C. nach Syrien absetzen wollte, weshalb sie gegen ihn ein Ausreiseverbot verhängten. Daraufhin soll bei C. der Gedanke gereift sein, einen Anschlag in Deutschland auszuführen. Offenbar forderte C. seinen Bekannten Clément B. auf, zu ihm nach Berlin zu kommen. Noch im Juli 2015 reiste B. unter einem Alias-Namen über Aachen nach Deutschland ein und weiter in die deutsche Hauptstadt. Dort stieg er erst einmal in der Fussilet-Moschee ab, wohl auf Vermittlung von Magomed-Ali C.

Ab Juni oder Juli 2016 hätten C., B. und Amri in "gelegentlichem persönlichem und telefonischem Kontakt" gestanden, heißt es in einem Bericht des Generalbundesanwalts. Die Ermittler werfen C. vor, in seiner Berliner Wohnung vom Spätsommer 2016 an den hochexplosiven Sprengstoff TATP hergestellt oder zumindest verwahrt zu haben. Allerdings fanden die Ermittler in der Wohnung weder Sprengstoff noch Rückstände. Ob es das TATP wirklich gab und, wenn ja, wo es geblieben ist, zählt zu den offenen Fragen. Für C.s Strafverteidiger Tarig Elobied kommen weitere Ungereimtheiten dazu. Die Anklage stütze sich wesentlich auf später abgehörte Gespräche von Clément B., doch der bringe die Ereignisse durcheinander und sei wenig glaubwürdig, kritisiert Elobied. Wenn es überhaupt einen Plan gegeben habe, habe sein Mandant davon schließlich freiwillig Abstand genommen.

Ende Oktober 2016 hatten Beamte des Berliner Landeskriminalamtes (LKA) an der Wohnungstür von C. in einem Mehrfamilienhaus am Berliner Stadtrand geklingelt und C. darauf hingewiesen, dass er als Gefährder unter Beobachtung stehe – eine nicht ungewöhnliche Maßnahme zur Gefahrenabwehr. Was die Beamten offenbar nicht wussten: In der Wohnung soll sich zu der Zeit auch der Franzose Clément B. aufgehalten haben. Aufgeschreckt von dem Besuch der Polizisten floh B. anschließend nach Frankreich, wo er später festgenommen wurde. Der Plan des mutmaßlichen Terrortrios um Amri war damit gescheitert. Nach Erkenntnissen der Strafverfolger begann Amri unmittelbar nach dem Besuch der Berliner LKA-Beamten, sich auf einen Anschlag auf den Weihnachtsmarkt vorzubereiten. Magomed-Ali C. droht eine mehrjährige Haftstrafe.