ZEIT ONLINE: Bitte erzählen Sie.

Foroutan: Wir mussten für unsere Studie, weil wir Aussagen von Ostdeutschen, Westdeutschen und Migrantinnen haben wollten, die Gruppen definieren. Wer ist eigentlich wer? Individuell beantwortet jeder diese Frage verschieden, deshalb kann damit so viel Politik gemacht werden.

17 oder 22 Prozent?

ZEIT ONLINE: Worin besteht denn nun aber Ihre Erkenntnis?

Foroutan: Wir haben festgestellt, dass, wenn man Ostdeutsche statistisch zählen möchte, ähnliche Ungereimtheiten auftauchen, wie wenn man Menschen mit Migrationshintergrund zählt. Man zählt nach dem Wohnortsprinzip. Danach leben 19,5 Prozent der Gesamtbevölkerung in den ostdeutschen Bundesländern, Ostberlin mit eingerechnet. Davon sind aber rund 20 Prozent Westdeutsche und die laufen in den statistischen Erhebungen mit, übrigens auch in unseren, damit unsere Studie mit anderen vergleichbar bleibt. Die Westdeutschen in Ostdeutschland verzerren aber auch die Daten zum strukturellen Aufschwung. Würden wir die herausrechnen, wären es nur 17 Prozent Ostdeutsche. Wenn wir aber ostdeutsch nicht länger geografisch, sondern biografisch zählen – also wer ist selbst und wessen Eltern sind in Ostdeutschland geboren – kommen wir auf viel mehr Ostdeutsche. Biographisch wären dann rund 22 Prozent der Bevölkerung Ostdeutsche.

ZEIT ONLINE: Sie haben also die ostdeutsche Herkunft analog zu einem Migrationshintergrund behandelt.

Foroutan: Ja, wir haben darüber nachgedacht, weil der Migrationshintergrund in der Statistik klar definiert ist. Aber auch die Kategorie Migrationshintergrund ist eine künstlich hergeleitete. Deswegen war das ein Erweckungserlebnis für mich. Weil mit der Frage "Wer ist Ostdeutsch?" auch durchgespielt werden kann: Wer ist eigentlich eine Person mit Migrationshintergrund? Und warum hält das bei Migranten über die Generationen an, während man bei Ostdeutschen statistisch schon dann nicht mehr ostdeutsch ist, wenn man im Westen wohnt? Erst wenn man sichtbar und zählbar ist, kann man stärker auf Repräsentationslücken hinweisen. Auch wenn man andererseits den Traum begraben muss, nicht mehr als ostdeutsch und somit als Teil einer anderen Gruppe gezählt zu werden.

ZEIT ONLINE: In diesen Betrachtungen zeigt sich unser Denken. So sortieren wir, wer dazugehört und wer nicht.

Foroutan: Wir arbeiten bei Migranten selbstverständlich mit dem Begriff Migrationshintergrund, aber für eine andere Gruppe, die auch Stigmatisierungen und Benachteiligungen aufweist, wird der Hintergrund unsichtbar gemacht. Zu sehen, wie man so Identitäten anzünden oder ausschalten kann, ist für mich enorm spannend.

"22 Prozent Ostdeutsche und 20 Prozent Migranten"

ZEIT ONLINE: Die Annahme jedoch, dass ostdeutsche Prägungen sich einfach auswachsen, ist so weit verbreitet, glauben Sie ernsthaft, dass Sie die Debatte mit solchen neuen Perspektiven und Zahlen wirklich verändern können?

Foroutan: Ich glaube, wir müssen diese Debatte führen. Gerade wenn es um die Ost-Quote geht, macht es einen Unterschied, ob wir über 17, 20 oder 22 Prozent Ostdeutsche reden, die gesamtdeutsch nur zu drei Prozent in Führungspositionen vertreten sind. Nachdem die Kategorie Migrationshintergrund eingeführt wurde, haben wir gesehen, wie stark sich politische Dynamiken und Selbsterzählungen verändert haben. Zu wissen, dass in Deutschland 22 Prozent Ostdeutsche und 20 Prozent Migranten leben, obwohl es in den Kategorien natürlich auch Überschneidungen gibt, macht einen großen Unterschied. Für mich als Sozialforscherin sind diese kategorialen Fragen fundamental. Sie haben Macht, erzeugen Kraft. Anstatt nur aus einer Position der Minderheit gegenüber einer Mehrheit argumentieren zu müssen, zeigen wir, dass die benachteiligten Gruppen zusammen große Teile der Gesellschaft umfassen. Es gibt ein Drittel in allen Gruppen, die klar gegen Ungleichheit positioniert sind. Dieses Drittel gilt es zu mobilisieren – und zwar Wessis, Ossis und West- und Ostmigranten. Alle zusammen.