Sie seien nicht gegangen, "weil wir die Erfahrung machen wollten", antwortet ihm eine Teilnehmerin, die in der ersten Reihe aufgestanden ist. "Weil die Polizei aufgewühlt ist." Ein anderer fügt hinzu: "Aus Neugier. Wir wussten ja, worum es geht." Auch einer aus der Gruppe der Braunäugigen, der Mitläufer also, steht auf und berichtet: "Ich bin ganz schnell in eine Rechtfertigung verfallen, warum ich dableibe: Es war ja ein Rollenspiel. Aber diese Rechtfertigungen finden sich im Dienst auch."

Wer die Menschen auf dem Hochschultag diskutieren hört, könnte davon ausgehen, dass die Polizei kein Problem hat: Sie sind reflektiert und kritisch und vor allem lernwillig. Eine Autobahnpolizistin, die auch im Workshop dabei war, sagt, sie werde nun noch mehr als vorher darauf achten, bei einer Kontrolle alle gleichzubehandeln: "Mir ist wichtig, das Bild der Polizei positiv zu prägen. Die derzeitige Kritik trifft mich sehr." Doch, auch darin sind sich viele Teilnehmende einig: Diejenigen, die so eine Schulung wirklich bräuchten, sind nicht hier.

Wen erreichen die Workshops?

Können solche Workshops also Fälle wie in Frankfurt überhaupt verhindern, oder erreichen sie nur die ohnehin Aufgeschlossenen? Schlicher sagt dazu: "Radikalisierte Strukturen bauen sich immer nur in einem bestimmten Umfeld auf. Wenn also so etwas ans Licht kommt, dann gibt es immer eine ganze Reihe von Menschen, die sagen: Das überrascht mich jetzt nicht wirklich." Solche Fälle seien nur möglich, wenn es auf den Dienststellen ein Umfeld gibt, in dem schon bestimmte Witze gemacht wurden, in dem abfällig über bestimmte Menschen gesprochen worden ist, erklärt Schlicher. Wenn es ein solches Umfeld nicht gibt, haben demnach auch Radikale keine Chance, unbehelligt zu wirken.

In einigen Polizeien sei es aber noch so, wie in vielen männlich geprägten Organisationen: "Wenn du ein Problem hast, ist es dein Problem, dann musst du es eben lösen", sagt Schlicher. Aber das sei nirgendwo mehr die offizielle Linie. Viele Polizeien seien jetzt auf einem guten Weg. "Das hätte man aber auch schon früher machen können, das war schließlich die deutliche Empfehlung des NSU-Untersuchungsausschusses", sagt Schlicher.

In Kleingruppen sollen die Teilnehmenden später über ihre eigenen Erfahrungen sprechen: Wo wurden sie schon mal nicht wertgeschätzt oder diskriminiert? Was die Leute dort erzählen, verlässt den Raum nicht, wird vereinbart. Fast jeder Polizist, sagt Schlicher, habe schon Situationen erlebt, in denen er oder sie lieber nicht gesagt habe, dass er bei der Polizei ist. "Und über diesen Umweg kann ich Verständnis wecken: Wenn sie selbst nicht wollen, dass ihnen mit Vorurteilen begegnet wird, wie schlau wäre es dann, vorbildhaft dafür zu sorgen, dass in ihrem Arbeitsumfeld nicht vorurteilsbehaftet über bestimmte andere Gruppen gesprochen wird."

"Man darf nicht vergessen, dass so was auch Konsequenzen haben kann"

Und nun? Im Abschlussplenum fragen einige, wie sie die Erkenntnisse in ihre Dienststellen tragen können. Schlicher rechnet vor: Wenn die 170 Teilnehmenden sich in nur zehn Situationen vorurteilsbewusster verhalten, mache das schon direkt einen Unterschied aus.

Ein junger Polizist meldet sich zu Wort: "Man darf aber nicht vergessen, dass so was auch Konsequenzen haben kann", sagt er. Wer auf Fehler oder Missstände hinweise, kriege schon mal gesagt: Du willst doch in den nächsten 20 Jahren noch was werden. Schlicher rät ihm, sich Bündnispartner unter Kollegen zu suchen.

Eine Lehrerin der HfPV sagt, dass manche ihrer Studierenden von sexistischen oder rassistischen Sprüchen berichten, die sie in ihren Praktika auf den Dienststellen erlebten. Auch sie wollten das nicht melden, weil sie fürchteten, sich den Weg zu verbauen. "Wir haben eine wahnsinnig schlechte Fehlerkultur", pflichtet ihr der junge Polizist bei. Das zeige auch der Ausspruch "Wir schreiben das gerade" – wenn also Fehler nachträglich im Bericht geschönt werden.

Schlicher sagt, es brauche bessere Begleitung nach schwierigen Einsätzen und Vorgesetzte, die klare Ansagen machen, was sie nicht dulden. Und dazu ermutigen, sich Supervision oder Beratung zu holen. Aber auch Zivilcourage unter Kolleginnen und Kollegen, um Diskriminierung zu verhindern. Der junge Polizist drückt es so aus: "Du brauchst Rückgrat. Und eine geringe Hemmschwelle, deinen eigenen Arsch zu riskieren."

Im Herbst werden Schlicher und sein Team wiederkommen für ein Wahlpflichtmodul, kündigt Cornelia Rotter an, die Leiterin des Bereichs Hochschulentwicklung. Sie sollen auch Lehrende der HfPV in ihrer Methode ausbilden. Das Thema Diskriminierung wird auch dann noch aktuell sein.