Im letzten Frühjahr verfasste der Journalist Markus Decker einen Text, der wehtat. Decker, ein Westdeutscher, verabschiedete sich nach fast dreißig Jahren vom Osten. Er beschrieb, mit welcher Euphorie er als 28-Jähriger in den frühen Neunzigern nach Sachsen-Anhalt ging. Wie er gegen seine linken Münsteraner Freunde anstritt, die glaubten, der Osten würde die Bundesrepublik vor allem reaktionärer machen. Wie er in all den Jahren, trotz der Neonazis, trotz Lichtenhagen, trotz des NSU, immer die Ostdeutschen verteidigte, sogar ein Buch darüber schrieb. Bis er schließlich aufgab.

"Mein Verständnisreservoir ist, was Ostdeutschland betrifft, seit der Flüchtlingskrise aufgebraucht", schrieb Decker. Und dass ihn nicht nur die "Kameltreiber"-Rufe und die enthemmten Pegidisten dazu brachten. Sondern auch Politiker und Intellektuelle, die schulterzuckend auf die immer neuen Exzesse reagierten oder den ostdeutschen Fremdenhass sogar zum Teil einer legitimen Protesterzählung machten.

1979 geboren in Frankfurt (Oder). Politischer Autor, seit 2005 bei ZEIT ONLINE. Er gründete 2007 das Anti-Rechtsextremismus-Blog "Störungsmelder" mit. © Jakob Börner

"Es geschieht das, was meine Freunde 1989 befürchteten", schrieb er, "ein Vierteljahrhundert nachdem er sie eingerissen hat, baut der Osten neue Mauern." Was bleibt ihm von dem Vierteljahrhundert, in dem er versuchte, den Osten zu verstehen? Er werde, so Decker, "zum Westalgiker". Und vielleicht noch härter: "Ich bin jetzt wieder der Wessi, der ich vor meinem Umzug 1992 war."

Es ist zum Heulen. Und für mich als Ostdeutschen ist das Schlimmste: Er hat recht. In Teilen des Ostens, und nicht nur auf irgendwelchen Dörfern, ist vorrevolutionärer Rassismus das neue alte Normal. Und stellt das jemand fest, wird das oft noch als Angriff auf die Meinungsfreiheit oder "Ossibashing" gedeutet. Man muss sich nur mal anschauen, was mit der Frau geschah, die es wagte, in einer Bautzener Kirche das Grundgesetz zu zitieren. Wie sie ausgebuht wurde. Wie beleidigte Einwohner forderten, sie solle die Stadt verlassen, nur weil sie darauf hingewiesen hatte, dass es in Bautzen ein Problem mit dem Rechtsextremismus gibt.

In dem Jahr, in dem wir das 30-jährige Jubiläum des Mauerfalls feiern, falls man das überhaupt so sagen kann, scheint das Verständnis vieler Westdeutscher für den ganzen Osten auf einen neuen Tiefpunkt gesunken zu sein. Ja, es gibt ein wachsendes Interesse am Osten, speziell an den Brüchen der Nachwendezeit, an der Treuhand, den Neonazis. Und gleichzeitig verhärtet sich bei manchen die Vorstellung, bei den Ostdeutschen sei irgendetwas grundsätzlich nicht Ordnung. Fast dreißig Jahre nach dem Ende der DDR erscheint es sogar Kollegen von mir durchaus plausibel, dass die meisten von ihnen noch immer irgendwie DDR-verseucht sind, in der Kindheit indoktriniert, bis heute demokratieunfähig.

Man konnte sterben

Ich verstehe das. Eine Zeit lang habe ich das ja selbst geglaubt. Ich bin vor zwanzig Jahren in den Westen gegangen, nein, aus dem Osten geflohen. Die Gegend um meine Geburtsstadt Frankfurt (Oder) war damals kein freundlicher Ort, ganz besonders nicht für Leute, die anders aussahen oder dachten als Nazis. Man konnte sterben, und manche starben.

Fast zehn Jahre bin ich in Hamburg geblieben. Mit jedem Jahr konnte ich sie besser verstehen, die Wut vieler Westdeutscher auf ostdeutsche Nazis, die ihre alte Diktatur offenbar so sehr vermissten, dass sie sich und allen anderen gleich eine neue bauen wollten. Ich weiß noch, wie ich selbst einmal in einem Hamburger Stadion stand und fassungslos auf jene Chemnitzer Hooligans schaute, die gerade wieder mal großes Thema sind. Damals, 2006, standen sie im Gästeblock und schwenkten zu Dutzenden rote Fahnen mit weißem Kreis in der Mitte – das Hakenkreuz sollte man sich dazudenken. Ich weiß noch, wie sie dabei  "Hoo-Na-Ra" (Hooligans, Nazis, Rassisten) brüllten und ich mich fragte, was sie sich einbildeten, diese Penner, die wahrscheinlich noch Stütze von dem Staat bezogen, auf den sie spuckten.

Ich verstehe das

Ich verstehe, wie fremd und feindselig sich der Osten anfühlen kann. Erst recht verstehe ich nach meinen Ost- und Westjahren Menschen, die darauf hinweisen, dass man es in Deutschland noch viel schwerer haben kann, als weiß zu sein und sich zurückgesetzt zu fühlen. Dass man viel schlimmere Ausgrenzungen erleben kann, nur aufgrund des eigenen Aussehens oder der Religion. Ich verstehe all das. Und ich verstehe es nicht.

Denn was Decker beschreibt, ist zwar richtig. Es stimmt aber auch das Gegenteil. Es hat in Leipzig und Chemnitz zwei der größten deutschen Demos gegen den Rechtspopulismus gegeben. Ich habe ausgerechnet in Frankfurt (Oder) erlebt, wie ein Ex-Antifa fast mit Zweidrittelmehrheit zum Oberbürgermeister gewählt wurde, auch weil er forderte, die Stadt müsse noch internationaler werden. Dem giftigen Männlichkeitsideal der Nazis und Hooligans zum Trotz machen ostdeutsche Väter im Durchschnitt länger Elternzeit als westdeutsche. Der Osten ist so reaktionär, wie er progressiv ist. Es gibt überhaupt keinen Grund, ihn aufzugeben. Und es wäre fatal zu übersehen, wie viel von dem, was gerade im geografischen Osten geschieht, aus den ideologischen Reserven des Westens kommt.