Kindesmissbrauch in der DDR wurde laut einer Studie weitaus stärker und länger tabuisiert als im Westen. Zu diesem Fazit kommt die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs. Sexueller Missbrauch habe nicht in das Bild der "heilen sozialistischen Gesellschaft" gepasst, heißt es in der Fallstudie. Es sei weder privat noch öffentlich über sexuelle Gewalt in Familien oder in staatlichen Einrichtungen gesprochen worden.

Der Analyse der Kommission – sie wurde im Mai 2016 gegründet und untersucht sämtliche Formen von sexuellem Kindesmissbrauch in der Bundesrepublik und in der DDR – liegen 75 vertrauliche Anhörungen und 27 Berichte von Betroffenen zugrunde.

"Extremes Ausgeliefertsein auf der Opferseite"

Demnach gab es sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in allen Schichten – ähnlich wie in der alten Bundesrepublik. Allerdings spielten in der DDR das politische Machtsystem und das staatlich-repressive Erziehungssystem eine besondere Rolle, Institutionen wie Heime und Jugendwerkhöfe waren ein geschlossenes System innerhalb des geschlossenen Systems DDR.

"Innerhalb der Geschlossenheit der Heime konnte sexueller Missbrauch ausgeübt, verdeckt und normalisiert werden", heißt es in der Fallstudie. Der ideologisch begründete Erziehungsauftrag der Heime – die Umerziehung – führte demnach zu Willkür aufseiten der Täter und zu einem "extremen Ausgeliefertsein auf der Opferseite". Die Flucht vor Misshandlungen und sexuellem Missbrauch endete spätestens an der Staatsgrenze. Die Kinder und Jugendlichen wurden daraufhin häufig in noch restriktivere Heime bis hin zu den geschlossenen Jugendwerkhöfen verlegt – wo sich Misshandlungen und Missbrauch oft fortsetzten.

Psychologische und finanzielle Hilfe fehlt

Auch Menschen, die in der Familie missbraucht wurden, berichten laut der Kommission von einer "hochgradigen Verschwiegenheitspflicht", die es ihnen in der Kindheit unmöglich machte, über sexuelle Gewalt zu sprechen. Nach außen habe das Bild "einer glücklichen Musterfamilie der DDR" gelebt werden müssen.

"Das Schweigen wirkte lange nach und hält bis heute an", sagte Christine Bergmann, Kommissionsmitglied und frühere Bundesfamilienministerin. "Noch immer sagen Betroffene, dass sie kaum über ihren Heimaufenthalt in der DDR oder über die erlittene sexualisierte Gewalt sprechen können." Der Kommission zufolge fehlt es auch heute noch an ausreichend Hilfen wie Selbsthilfegruppen und Beratungseinrichtungen sowie finanzieller Unterstützung.