Der Schweizer Peter Maurer ist seit 2012 Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK). Er plädiert dafür, dass sich die internationale Gemeinschaft um die früheren IS-Kämpfer und ihre Familien in Syrien kümmern sollte – auch aus sicherheitspolitischen Gründen.

Bei meinem Besuch im Lager Al-Haul in Syrien in der vergangenen Woche habe ich Zehntausende Menschen in Not gesehen. Sie strömten nach heftigen Kämpfen aus Hadschin und Al-Baghuz, der letzten Hochburg des "Islamischen Staats" in Syrien, in das Lager. 90 Prozent der Menschen hier sind Frauen und Kinder – syrische und irakische Staatsbürger sowie Menschen aus mindestens 30 anderen Ländern. Viele von ihnen sind verwundet, heimatlos und hungrig. 

Doch die Bedingungen in dem Lager sind miserabel. Mit dem Ende des Kalifats scheint heute der starke Wunsch vorzuherrschen, IS-Kämpfer mit ihren Familien auszugrenzen und in einem kollektiven Schuldspruch sowie aus Rache für ihr Verhalten im Krieg in ein schwarzes Loch des Vergessens wegzusperren. Wir müssen diesen Gedanken der Vergeltung und Stigmatisierung überwinden und stattdessen den Weg in eine gerechtere Gesellschaft ebnen.

Länder auf der ganzen Welt müssen Verantwortung für ihre Bürgerinnen und Bürger übernehmen, ordnungsgemäße Gerichtsverfahren gewährleisten und physische, psychologische und psychosoziale Unterstützung für eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft bereitstellen. Gleichzeitig dürfen Menschen, denen in ihrem Heimatland Verfolgung droht, nicht gegen ihren Willen dorthin zurückgeschickt werden; deshalb sind umfassende und gemeinsame Bemühungen erforderlich.

Dabei ist es keine Lösung, an Länder, die gerade erst den Krieg hinter sich gelassen haben, hohe Sicherheitsanforderungen zu stellen. Auch dürfen die lokalen Behörden im Umgang mit den komplexen globalen Problemen nicht alleingelassen werden. Vielmehr ist es dringend erforderlich, innerhalb und außerhalb der Lager entschiedene humanitäre Hilfe zu leisten und die örtlichen Stellen langfristig zu unterstützen.

Systematische Gräueltaten

Mir ist bewusst, dass die extreme Gewalt in Syrien und im Irak auf dem Höhepunkt des Konflikts die Welt krank gemacht hat. Hunderttausende Menschen wurden getötet oder verstümmelt. Wohnhäuser wurden zerstört. Spitäler wurden wiederholt bombardiert. Laut einem Bericht der Vereinten Nationen wurden chemische Waffen gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt. Grauenhafte Hinrichtungen wurden zu Propagandazwecken gefilmt. Sexuelle Gewalt ist zu einer generellen Methode der Kriegsführung geworden. Kurzum wurden von viel zu vielen Seiten systematisch Gräueltaten begangen.

Es ist verständlich, sich reflexartig von den Schwierigkeiten im Umgang mit den Folgen abzuwenden. Dennoch dürfen sich die Staaten nicht vor ihrer Verantwortung drücken. Der Status quo ist unhaltbar. Gewalt und Instabilität im Lager werden im Laufe der Zeit nur zunehmen und die ganze Region weiter destabilisieren.

Ich fordere die Staaten auf, sowohl die dringend benötigte humanitäre Hilfe zu unterstützen, als auch ihre Rechtsprechung und Sicherheitsbestimmungen mit einer humanen Lösung in Einklang zu bringen. Es ist kompliziert und es ist emotional, aber einfach nicht zu handeln, wäre aus moralischer und sicherheitspolitischer Sicht eine Katastrophe.

Dutzende Kinder erfroren

In den letzten Wochen sind wegen der Kälte Dutzende Kinder im Lager gestorben. Natürlich hat der rasche Zustrom an Menschen alle überrascht; wir alle waren darauf nicht vorbereitet. Aber diese Kinder verdienen es nicht, aus Rache zu sterben; sie verdienen unsere Hilfe und Menschlichkeit. Im Krieg können wir zu den gewalttätigsten Versionen von uns selbst werden. Dem müssen wir jene Eigenschaften entgegensetzen, die uns als Menschen auszeichnen.