Der in der Türkei festgehaltene Sozialwissenschaftler und Journalist Adil Demirci hofft bei der Fortsetzung seines Prozesses auf ein positives Urteil der türkischen Justiz. "Ich hoffe natürlich, dass der Richter die Ausreisesperre aufhebt", sagte er vor dem Verhandlungstermin in Istanbul. Demircis Anwälte werden dabei auch ein übersetztes Attest der Mutter einreichen, auf dem ihr Gallenwegskrebs diagnostiziert wurde. Noch an diesem Dienstag soll das Gericht in der türkischen Metropole entscheiden.

Demirci, der sowohl die deutsche als auch die türkische Staatsbürgerschaft besitzt, war im April 2018 während eines Familienurlaubs von einer türkischen Spezialeinheit festgenommen worden. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm die Mitgliedschaft in der linksextremen Marxistisch-Leninistischen Kommunistischen Partei (MLKP) vor, die in der Türkei als Terrororganisation gilt. Zudem soll er von 2013 bis 2016 an Trauerfeiern und "unerlaubten Demonstrationen mit Molotowcocktails" für Mitglieder der MLKP teilgenommen haben.

Demirci weist die Terrorvorwürfe zurück. "Ich bin nicht Mitglied dieser Partei und war es nie", sagte er dem Kölner Stadt-Anzeiger. Beim Prozessauftakt im November bestätigte er jedoch die Teilnahme an drei Trauerfeiern und einer Gedenkveranstaltung. Einmal sei er zufällig hineingeraten, sagte er. Später ging er bei Kollegen der linken Nachrichtenagentur Etha mit, für die er vor allem als Übersetzer arbeitete. Es sei dabei um Menschen gegangen, die gegen den IS gekämpft hätten, Tausende hätten an diesen Feiern teilgenommen.

Die Anklageschrift kam nach vier Monaten

Im Februar wurde Demirci dann nach zehn Monaten aus der Untersuchungshaft entlassen, er darf aber die Provinz Istanbul nicht verlassen. Er habe seitdem viel Zeit mit Freunden und Familie verbracht, um zu verarbeiten, was passiert ist, sagte Demirci vor der Gerichtsverhandlung. Die ersten Monate im Gefängnis seien jedoch sehr schwer gewesen. "Ich wusste ja nicht, wieso ich da war. Erst nach vier Monaten kam die Anklageschrift."

Die Anklage entfremde ihm dieses Land, das er wie Deutschland als Heimat ansieht, sagte Demirci weiter. In der Türkei sei es ein gesamtgesellschaftliches Problem geworden, kritische Dinge zu sagen. "Ich habe das im Gefängnis gesehen, wo so viele unterschiedliche Charaktere saßen. Gemeinsam hatten sie nur, dass sie regierungskritisch waren. Das ist sehr gefährlich und sehr traurig."

Der Fall Demirci ist einer der prominentesten verbliebenen Prozesse gegen einen Deutschen in der Türkei. Eine ganze Serie ähnlicher Fälle hatte ab 2017 die deutsch-türkischen Beziehungen belastet. Viele Häftlinge wie der Journalist Deniz Yücel oder die Übersetzerin Meşale Tolu sind seitdem freigekommen und durften ausreisen.