Kurz vor 19 Uhr am Montagabend verbreiteten User auf Twitter die ersten Bilder der brennenden Kathedrale Notre-Dame. Zuerst waren darauf nur Flammen aus dem Inneren des Dachstuhls zu sehen. Doch bald brannte das gesamte Gebälk. Was genau ist passiert und wie konnte es zu dem schweren Brand kommen? Wir haben die wichtigsten Fragen und Antworten zusammengefasst.

Wie hat sich das Feuer ausgebreitet?

Zuerst waren die Flammen im mittleren Bereich des Kirchenschiffs sichtbar, über der Vierung, dem Bereich, in dem Haupt- und Querschiff sich kreuzen. Die Dachkonstruktion der Kathedrale stammt aus dem 13. Jahrhundert und bestand komplett aus Holzbalken. Diese jahrhundertealten und sehr trockenen Eichenbalken fingen sofort Feuer. Der 110 Meter lange, 13 Meter breite und zehn Meter hohe Dachstuhl diente dem Feuer als Hauptnahrung.

Begünstigt durch starken Wind breitete sich der Brand schnell aus. Bald brannte der ebenfalls hölzerne Spitzturm über der Vierung lichterloh. Kurz vor 20 Uhr kippte er zur Seite und stürzte ein. Er beschädigte dabei das Steingewölbe des Querschiffs.

Gegen 23 Uhr meldete die Feuerwehr dann, die Intensität des Feuers sei zurückgegangen. Der Staatssekretär im Innenministerium, Laurent Nuñez, teilte mit, die Kathedrale kühle langsam etwas ab. Die Struktur des Gebäudes könne vermutlich erhalten bleiben. 

Um 3.45 Uhr meldete ein Sprecher der Feuerwehr, das Feuer sei unter Kontrolle. Am Dienstagvormittag um kurz vor 10 Uhr war der Brand schließlich vollständig gelöscht.

Wie sich der Brand in Notre-Dame entwickelte

© ZEIT ONLINE

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Wie hat die Feuerwehr reagiert?

Etwa 400 Feuerwehrleute waren im Einsatz, zunächst aus dem Stadtgebiet und später aus der ganzen Region. Sie arbeiteten mit insgesamt 18 Wasserwerfern, deren Einsatz aber zunächst wenig bewirkte, da ihr Wasserstrahl kaum bis aufs Dach hinaufreichte. Vor allem die Turmspitze in 93 Metern Höhe blieb unerreichbar. 

Die Feuerwehr arbeitete auch mit höhenverstellbaren Steigern, doch deren Maximalhöhe reichte nicht bis an das Dach heran. Die Reichweite des Wasserstrahls ist ebenfalls begrenzt. Sie lässt sich zwar durch einen erhöhten Wasserdruck vergrößern, doch je größer der Druck in den Schläuchen, desto schwieriger sind sie zu manövrieren. "Versuchen Sie mal, einen Großbrand in 69 Metern Höhe aus 30 Metern zu löschen", schrieb ein Feuerwehrmann auf Twitter.  

Der Einsatzleiter schickte auch Personen ins Innere der Kirche, die Aufgabe dieser Feuerwehrleute bestand vor allem darin, Reliquien und Kunstwerke aus der brennenden Kirche zu retten. Er rief sie zurück, als sich abzeichnete, dass der Spitzturm einstürzen könnte. Stattdessen kam der ferngesteuerte Feuerwehrroboter Colossus zum Einsatz, wie der Sprecher der Pariser Feuerwehr, Gabriel Plus, am Dienstagmittag sagte. Später seien noch einmal rund 20 Feuerwehrleute in die beiden Türme der Kathedrale gegangen, sagte Nuñez. Ihr Einsatz habe das Gebäude gerettet.

Drohnen lieferten Bilder aus der Luft. Der Einsatz von Löschflugzeugen war aber nicht möglich, da das Steingewölbe der Kathedrale dem Druck der Wassermassen unter Umständen nicht standgehalten hätte. In dem Fall hätte Notre-Dame durch die Löscharbeiten einstürzen können.

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Was ist über die Brandursache bekannt?

Die Pariser Staatsanwaltschaft hat noch am Montagabend ein Ermittlungsverfahren wegen "fahrlässiger Sachbeschädigung durch Feuer" eingeleitet. Feuerwehr, Polizei und Staatsanwaltschaft arbeiten seither zusammen; bisher gehen sie von einem Unfall aus. Der Pariser Staatsanwalt Rémy Heitz sagte am Dienstagmittag: "Nichts deutet auf einen kriminellen Hintergrund hin." Ein Polizeimitglied sagte Le Monde, es dürfe schwer sein, die Ursache endgültig zu klären, da der Dachstuhl, in dem der Brandherd vermutet wird, vollständig abgebrannt ist.

Laut mehreren Medienberichten deutet einiges darauf hin, dass das Feuer mit Bauarbeiten im Dachgebälk zusammenhängen könnte. Rund um den Spitzturm wurde seit Juli ein riesiges Gerüst aufgebaut; die Kathedrale sollte umfangreich restauriert und saniert werden. Diese These ist bisher nicht bestätigt. Aber die Ermittler befragten noch in der Nacht Handwerker nach den Werkzeugen und Materialien, mit denen sie am Tag vor dem Brand gearbeitet hatten. 

Nach Ansicht von Stephane Weibel, französischer Brandschutzexperte für historische Monumente, kann bereits ein winziger Fehler ein Feuer in so einem alten Gebäude auslösen. "Manchmal reicht ein Tropfen flüssigen Bleis, der auf die Holzbalken fällt und dort Hitze entfacht", sagte er ZEIT ONLINE. Bleiplatten werden in historischen Gebäuden häufig genutzt, um das Dach abzudichten. Auch Notre-Dame war mit Bleiplatten abgedeckt.

Andere Experten vermuteten in verschiedenen Radiosendungen, dass auch die Arbeit mit einem Bohrer den Brand entfacht haben könne, weil zurzeit offenbar eiserne Winkel an den Holzbalken befestigt worden seien. Le Parisien zitiert einen Ermittler, der Schweißarbeiten auf dem Dach als mögliche Ursache sieht. "Die Gutachter werden nun ähnlich wie Archäologen in der Historie des Feuers graben. Es ist eine sehr schwierige Aufgabe", sagt Weibel. 

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Hätte man die Kathedrale besser schützen können?

Für historische Bauten gelten spezifische Normen, die sehr streng seien, sagt Brandschutzexperte Weibel. "Sie werden häufiger kontrolliert und eine Brandschutzkommission entscheidet, ob alles ausreichend gesichert ist." Doch zugleich müssten auch die Kunstwerke geschützt werden, was den Brandschutz unter Umständen erschweren könnte. "Sie können ja nicht in eine meisterliche Deckenmalerei Sprinkleranlagen reinbohren."

Das französische Kulturministerium bestreitet eine Nachlässigkeit. "Wir haben erst vor wenigen Jahren sehr viel Geld in den Brandschutz investiert", sagt André Finot, der Sprecher von Notre-Dame. Es seien Brandmelder installiert worden, ein Sicherheitsbeamter überwache das Gebäude rund um die Uhr. Nur deswegen habe die Kathedrale in weniger als drei Minuten evakuiert werden können.

Der Kunsthistoriker Alexandre Gady sagte hingegen dem Radiosender France Info, "so ein Monument, in einer Stadt wie Paris, darf nicht passieren". Seit Jahren wiesen Experten darauf hin, dass das Budget für historische Bauten in Frankreich zu niedrig sei. "Wir hätten das Drama verhindern können, wenn wir mehr Geld in die Sicherheit gesteckt hätten", so Gady.

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