Seit Herbst 2018 häufen sich Drohschreiben an Gerichte, Polizei, Anwälte und Redaktionen großer Medienhäuser. Sie sind unterschrieben mit unterschiedlichen Namen: NSU 2.0, Wehrmacht, Elysium, Rote Armee Fraktion oder Staatsstreichorchester. Ein Tatverdächtiger sitzt deshalb nun seit Kurzem in Untersuchungshaft. Die Drohschreiben, die ihm von den Ermittlern zugerechnet werden, wurden mit Nationalsozialistische Offensive unterschrieben. Er dürfte jedoch nicht allein verantwortlich sein.

Der festgenommene André M. wurde bereits 2007 als Apfelfest-Bomber von Rellingen bekannt. Er hatte damals mit einem Sprengstoffanschlag gedroht. Er wurde freigesprochen, da das Gericht an der Ernsthaftigkeit der Ankündigung zweifelte. Unabhängig davon wurde M. drei Mal verurteilt, für über 100 Fälle von Sachbeschädigung und Brandstiftung. Gutachter attestierten ihm eine Persönlichkeitsstörung. Nun beschäftigt sich die Generalstaatsanwaltschaft Berlin mit ihm.

Die Spur von NSU 2.0, Elysium, Staatsstreichorchester und Rote Armee Fraktion führt in die versteckten Teile des Internets, das Deep Web. Dort kommunizieren auch Whistleblower und Oppositionelle, die in autoritären Regimen um ihr Leben fürchten. Die verschlüsselten Seiten kann nur sehen, wer mit dem Tor-Browser ins Internet geht. Die Verbindung wird dabei über drei zufällig gewählte Server geleitet, wodurch der Nutzer anonym bleiben soll. Weil Nutzer nur schwer enttarnt werden können, haben sich im Deep Web auch organisierte Kriminalität und rechtsextreme Netzwerke breit gemacht.

In Deutschland wurden die Kinderporno-Tauschbörse Elysium und das Forum Deutschland im Deep Web (DiDW) der breiten Öffentlichkeit bekannt. Auf DiDW wurden Drogen und Schadsoftware verkauft, Rechtsextreme tauschten sich über Umsturzpläne aus – und handelten mit Waffen. Der Münchner Amokläufer erhielt dort seine Tatwaffe, eine Glock 17, und mehr 500 Schuss Munition. Der Waffenhändler und der Administrator von DiDW sitzen mehrjährige Haftstrafen ab. Vier Betreiber des Kinderpornoforums Elysium wurden im März verurteilt, auch sie kamen ins Gefängnis.

Dritte Version ging online

Trotzdem ging im Herbst vergangenen Jahres die dritte Version des Forums online. Das Bundeskriminalamt hatte Nummer eins und zwei abgeschaltet. Doch mehrere Nutzer hatten die Gesprächsverläufe gesichert und machten auch die Seiten von DiDW 2.0 wieder zugänglich. Inklusive Anleitungen zum Waffenbau.

Fast zeitgleich mit dem Relaunch von DiDW als Version 3.0 trat ein Nutzer, der sich Wehrmacht nennt, in Erscheinung. Am 20. Dezember forderte er unter einer Hakenkreuzflagge dazu auf, Geld zu spenden, um einen NSU 2.0 aufzubauen. Demnach planten der oder die Täter ein dezentrales Finanzierungsnetzwerk für Rechtsterrorismus.

Während der vormalige Betreiber von DiDW vor Gericht als naiv galt, wurden dem Waffenhändler und dem Amokläufer von München eindeutig rechtsextreme Motive nachgewiesen. Der Händler habe eine "widerwärtige Gesinnung" und sei überzeugter Anhänger Hitlers, sagte der Richter bei der Urteilsverkündung. Auch die aktuelle Serie von Drohbriefen hat wohl einen rechtsterroristischen Hintergrund.

Bereits im August 2018, knapp vier Monate vor der Ankündigung von Wehrmacht auf DiDW, erhielt die Anwältin von NSU-Opfern, Seda Başay-Yıldız, ein Droh-Fax, das mit der Abkürzung NSU 2.0 unterschrieben wurde und private Informationen enthielt. Medien berichteten damals über den Fall, die Spur führte zur Frankfurter Polizei. Gegen eine Gruppe von fünf Beamten laufen Ermittlungen, sie sind vom Dienst suspendiert.