Die Richterin holt die Belehrung nach und setzt ein zweites Mal zu der Frage an, was Younis al-N. in dieser Nacht, die Deutschland im August 2018 durchgerüttelt hat, gesehen haben will. Aber wieder ist es Ricarda Lang, die ihr in die Parade fährt: Der Zeuge müsse, so Lang, doch ebenso darauf hingewiesen werden, dass er das Recht auf einen Zeugenbeistand habe. Zerknirscht unterbricht die Vorsitzende die Verhandlung, für eine Stunde. Als sich alle wieder im Saal versammeln, sitzt neben dem Zeugen nun nicht mehr nur eine Dolmetscherin, sondern auch der Rechtsanwalt Ulf Israel, der in der Zwischenzeit telefonisch zum Gericht bestellt worden ist. Er vertritt nun Younis al-N. – und sagt, dass sein Mandant sich vollumfänglich auf Paragraf 55 berufe. Er werde zu dieser Nacht nur allgemeine Angaben machen, nicht aber zum Tatgeschehen selbst.

Israel hatte in der Verhandlungspause Gelegenheit, die Aussagen seines Mandanten zu lesen, und sagt nun: "Wir haben hier mindestens zwei voneinander abweichende Zeugenaussagen. Daraus könnte sich für meinen Mandanten eine Straftat ergeben."

Tatsächlich ist Younis al-N. der Einzige, der Alaa S. direkt mit der Tat in Verbindung bringt. Er will den 23-jährigen syrischen Flüchtling am Tatort gesehen haben. Bei der Polizei gab er an, S. und den nach wie vor flüchtigen Farhad A. "eindeutig als diejenigen Personen wiedererkannt" zu haben, "die gemeinsam auf den Geschädigten H. mit Stichbewegungen eingewirkt haben", so steht es in der Anklageschrift. Bei der Polizei hatte Al-N. angegeben, typische Stichbewegung gesehen zu haben, nicht allerdings ein Messer. Von diesen typischen Stichbewegungen distanzierte er sich später, das habe er so nie ausgesagt. Younis al-N. ist dennoch der Zeuge der Anklage. Mit seiner Aussage steht und fällt deshalb dieser Prozess.

Wird der Prozess früher enden?

Der Rechtsanwalt Ulf Israel beruft sich bei seiner Begründung für das vollumfängliche Auskunftsverweigerungsrecht auf die viel diskutierte Mosaikstein-Theorie, die 2002 vom Bundesgerichtshof begründet wurde. Demnach hat ein Zeuge auch dann das Recht, die Auskunft generell zu verweigern, wenn er den Strafverfolgern auch nur einzelne Hinweise – also kleine Mosaiksteinchen – liefert, die anschließend zu einem Beweisgebäude gegen ihn zusammengesetzt werden können.

Die Kammer zeigt sich davon unbeeindruckt: Sie verhängt ein Ordnungsgeld von 300 Euro gegen den Zeugen, ersatzweise drei Tage Ordnungshaft, weil er sich zu den entscheidenden Fragen nicht äußern will. Die Vorsitzende will diesen Zeugen unbedingt vernehmen – und das kann man ihr nicht verdenken. Denn trotz umfangreicher Ermittlungen gibt es gegen den Angeklagten Alaa S. keinen einzigen Sachbeweis. Keine DNA-Spuren auf der Tatwaffe, keine Blutanhaftungen auf seiner Kleidung, keine Faserspuren. Einfach nichts.

Younis al-N. wird nun am 26. April erneut vor Gericht erscheinen müssen. Erst dann wird sich herausstellen, ob er doch noch aussagt. Sollte er das nicht tun, könnte der bis in den Oktober terminierte Prozess viel schneller enden als erwartet.