Mitbewohner gesucht

An diesem Märzmorgen macht das sogenannte Kühlhaus in Görlitz seinem Namen alle Ehre. Im ersten Stock des massigen Betonbaus, den seit Jahren die kreative Szene nutzt, sitzen die Illustratorin Anne Wenkel und ihr Mann mit ihren beiden Söhnen, alle in dicke Jacken gehüllt. Künstlerbedarf füllt den Raum, auf dem Tisch dampft eine Tasse mit Kaffee, daneben steht ein Eimer mit Pinseln.

Einziger Vorbote des Frühlings: ein Zweig mit Weidenkätzchen auf der Fensterbank. Wenkel hat ihn in ihrem Skizzenblock verewigt, zwei Tage später wird die Zeichnung als Vorlage dienen, bei ihrem Workshop "Stempelschnitzen, drucken, kolorieren".

Dass Anne Wenkel, Mitte dreißig, an diesem Tag nicht wie sonst von ihrer Wohnung in Berlin-Friedrichshain aus arbeitet, sondern den März über in einer Industriebrache im Görlitzer Stadtteil Weinhübel, liegt an ihrer Großstadtmüdigkeit – und am Projekt "Stadt auf Probe".

Die östlichste Stadt Deutschlands kennt Wenkel seit den Neunzigerjahren, das Kühlhaus von einem Zeichenfestival. Als sie auf der Facebook-Seite der Location vom Projekt erfuhr, setzte sie sich an die Bewerbung. Darin sollte sie deutlich machen, wie ernsthaft ihr Interesse an einem Standortwechsel ist.

Nun gehört sie zu 54 Auserwählten, die seit Januar über einen Zeitraum von anderthalb Jahren je vier Wochen lang das Leben in Görlitz testen und über ihre Erfahrungen berichten sollen. Wohnungen werden von der städtischen Wohnungsbaugesellschaft gestellt, Arbeitsräume von drei Vereinen.

Das Kühlhaus in Görlitz: ein Zuhause für Kreative. © Kaspar Heinrich für ZEIT ONLINE

Kein Reisender kommt zufällig in Görlitz vorbei

Hinter "Stadt auf Probe" steht eine außeruniversitäre Forschungseinrichtung: das Dresdner Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung. Fördergelder kommen vom Bundesinnenministerium. In Görlitz begleitet das Interdisziplinäre Zentrum für ökologischen und revitalisierenden Stadtumbau das Projekt wissenschaftlich. Geleitet wird es von Dr. Robert Knippschild.

Der meint schon länger einen Gegentrend zur Urbanisierung in Deutschland zu erkennen. Nach Durchsicht der Bewerbungen hatte sich seine Arbeitsthese erhärtet: "Mittelstädte wie Görlitz sind interessante alternative Standorte, weil sie mehr Ruhe und kürzere Wege bieten, aber zugleich eine Infrastruktur", sagt Knippschild. "Außerdem drängen steigende Immobilienpreise die Leute aus den Großstädten heraus."

Zwei von drei Bewerbern fürs Probewohnen kamen aus Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern, jeder dritte allein aus Berlin. Während das Leben in den Metropolen für viele unbezahlbar wird, lockt Görlitz mit günstigen Mieten und reichlich Platz: Rund 7.000 Wohnungen stehen leer. Nachdem die Stadt nach der Wende mehr als ein Viertel seiner Bevölkerung verlor, wächst sie seit 2014 wieder leicht. "Angelegt ist Görlitz für mindestens 70.000 Menschen", sagt Robert Knippschild, "momentan leben hier gut 57.000."

Freiberufler, die ihre Arbeitsplätze selbst mitbringen

Dass das nicht nur Potenzial, sondern auch Probleme birgt, weiß Stadtplaner Hartmut Wilke, der in Görlitz das Amt für Stadtentwicklung leitet. "Der Leerstand tut uns richtig weh", sagt er. Der Erhalt von Gebäuden ist am schwierigsten, wenn niemand in ihnen wohnt. Auch die Lage der Stadt im Dreiländereck aus Deutschland, Polen und Tschechien ist eine Herausforderung: "Kein Deutschlandreisender kommt zufällig in Görlitz vorbei, man muss sich den Abstecher zielgerichtet vornehmen."

Nicht nur deshalb ist das Projekt für die Stadt ein Geschenk. Vom einstigen Industriestandort ist kaum mehr übrig als Bombardier und das jüngst gerettete Siemens-Werk. Im März lag die Arbeitslosenquote bei 8,5 Prozent. Strukturschwach ist so ein Adjektiv, das Forscher und Politiker gern für solche Städte benutzen. Kommt der Kohleausstieg, gehen der Region noch mehr Arbeitsplätze verloren. Hartmut Wilke sieht die Zukunft daher "in der Kreativwirtschaft und bei kleinen Selbstständigen". Gerade an die richtet sich "Stadt auf Probe".

Dreimal schon lud Görlitz zum einwöchigen Probewohnen ein. Viele ungebundene Rentner bewarben sich, einige wollten einfach ihrer schlesischen Heimat wieder näher sein. Für ältere Menschen war die Stadt immer attraktiv, den Spitznamen "Pensionopolis" trägt sie seit dem 19. Jahrhundert. Woran es fehlt, sind jüngere Zuzügler, die als Freiberufler ihre Arbeitsplätze am besten gleich mitbringen.

"Hier ist Aufbruch zu spüren"

Menschen also wie Anne Wenkel. Schon länger hatten die gebürtige Berlinerin und ihr Mann, der Filmregisseur Andreas Kannengießer, mit dem Gedanken gespielt, die Millionenstadt zu verlassen. "Die Infrastruktur ist toll in Berlin", sagt Kannengießer. "aber es ist kein Ort, an dem wir Kinder großziehen wollen."

Wie sie Görlitz erleben? "Hier ist Aufbruch zu spüren", findet Kannengießer. "An allen Ecken der Stadt sehe ich spannende Kulturinitiativen." Doch wo man in Berlin zwischen mehreren Läden mit Künstlerbedarf wählen kann, muss Anne Wenkel in Görlitz übers Internet bestellen. "Zu Hause habe ich super Arbeitsbedingungen, aber die Lebensqualität ist schwierig – hier wäre es andersrum. Die Frage ist: Was ist mir mehr wert?"

Für eine Stadt ihrer Größe ist Görlitz privilegiert, auch durch die Millionen, die in die Altstadt flossen. Von 1995 bis 2016 überwies ein anonymer Spender mehr als zehn Millionen Euro, für die Sanierung der im Krieg kaum zerstörten, aber in der DDR vernachlässigten Bausubstanz. Durch dieses Geld glänzen heute im Stadtzentrum Gebäude aus der Spätgotik und Renaissance, dem Barock und Jugendstil in ihrer alten Pracht. Immer wieder dienen sie als Filmkulisse, bescherten der Stadt ihren zweiten Spitznamen: Görliwood. Der Vorleser, Inglourious Basterds, Grand Budapest Hotel und Werk ohne Autor wurden hier gedreht.

Ein Bürgermeister von der AfD?

Bei allem Glanz ist da aber auch der schlechte Ruf Sachsens. Dresden, Meißen, Heidenau, Freital, Bautzen, Chemnitz: Die Liste der Städte mit rechtsextremen Ausschreitungen, Demonstrationen und Angriffen auf Migranten wird immer länger. Görlitz hat einen guten Ruf, auch weil es eine lebendige alternative Szene gibt. Am 26. Mai könnte das Bild dennoch leiden.

Am Tag der Europawahl wählt Sachsen auch seine Bürgermeister. In Görlitz tritt neben Kandidaten von CDU, Linken sowie einer Bewerberin eines Bündnisses um die Grünen für die AfD der Polizeikommissar Sebastian Wippel an. Sein Slogan für Görlitz, das sich gemeinsam mit der polnischen Schwesterstadt Zgorzelec am östlichen Neiße-Ufer seit über 20 Jahren als Europastadt versteht: "Mit Grenzen lebt sich's besser".

Sollte die Mehrheit der Wähler das ähnlich sehen und Wippel ihre Stimme geben, wäre es die erste Stadt mit einem AfD-Oberbürgermeister. Gut möglich, dass es so weit kommt. Schon bei der Bundestagswahl 2017 gelang der Partei hier mit 32,9 Prozent der Zweitstimmen ihr bundesweit zweitbestes Ergebnis, AfD-Kandidat Tino Chrupalla nahm dem sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer nach 15 Jahren das Direktmandat ab.

Kaum Netz, wenig Züge

Ein Thema für die Probewohner? "Ja", sagt Wissenschaftler Robert Knippschild, "das politische Klima spielt eine große Rolle für die von uns angesprochene Zielgruppe." Aber das muss sie nicht abschrecken, sondern kann Ansporn sein, findet Steve Grundig. Im schwarzen Kapuzenpullover und mit Strickmütze sitzt er an seinem Laptop in Görlitz' erstem Coworking-Space, dem Kolabor. "In kaum einer Region werden Antifaschisten gerade so sehr gebraucht wie hier", sagt Grundig.

Das selbstgegründete Unternehmen des Nachhaltigkeitsberaters hat seinen Sitz in Dresden. Grundig stammt aus Rügen, fürs Studium der Wirtschaftsethik zog er nach Zittau und verliebte sich in die Oberlausitz. Der Umzug nach Görlitz war schon beschlossene Sache, nur der Zeitpunkt noch offen, als er von "Stadt auf Probe" erfuhr. Die Zusage habe er dann als Zeichen verstanden, so Grundig. Nach dem Probemonat wird er in eine WG ziehen.

Könnte auch ein Coworking-Space in Berlin-Mitte sein: ein Zeichen-Workshop bei Anne Wenkel in Görlitz. © Kaspar Heinrich für ZEIT ONLINE

Nur zwei Dinge machen ihm zu schaffen: Netzabdeckung und Zuganbindung. "Auf dem Weg von Dresden nach Görlitz habe ich für je drei Minuten Netz, wenn der Zug im Bahnhof steht", klagt Grundig. In seinem Haus kann er nur an manchen Stellen telefonieren. Und die Entscheidung für die Schiene verlange einigen Idealismus. "Das Ende jeder Veranstaltung und jeder abendlichen Diskussion ist fahrplanmäßig der letzte Zug zwischen den Städten." Grundig sieht ein Henne-Ei-Problem: "Würden mehr Menschen die Bahn nutzen, würde das Angebot wohl attraktiver gestaltet werden. Und wäre das Bahnangebot attraktiver, würden viel mehr Menschen damit den Alltag planen."

Die Deutsche Bahn steuert Görlitz nicht an, es gibt nur den Bummelzug einer privaten Linie. Und nach Dresden, in die nächste Großstadt, braucht der eine Stunde und 17 Minuten. 2018 wurde die Anregung des Ministerpräsidenten, eine ICE-Verbindung von Berlin über Görlitz nach Polen und Tschechien einzurichten, von der Bahn abgewiesen. Die Nachfrage sei zu gering. Das Abgehängtsein wird beim Thema Verkehr in Görlitz greifbar.

Von denen, die in Görlitz zur Probe gelebt haben, wollen dennoch manche bleiben. Mark Mallon, finnischer Schriftsteller und Görlitzer auf Zeit im Januar, wird Ende April mit seiner Frau von Berlin nach Sachsen ziehen. "Bisher flogen alle zwei Minuten Flugzeuge über unser Dach, überhaupt war uns der Verkehr zu viel", sagt Mallon, der selbst kein Auto besitzt und aufs Radfahren und Spazierengehen schwört. Ursprünglich hatte er mit einem Umzug nach Zittau geliebäugelt, durchs Probewohnen ist seine Wahl nun aufs mehr als doppelt so große Görlitz gefallen.

Eine andere Teilnehmerin, Bildhauerin, kehrte enttäuscht aus Görlitz zurück. Nicht der Stadt wegen, die sie schätzt. Sie wollte sich eine Immobilie kaufen, die Suche blieb aber trotz Makler erfolglos. "Manche Leute haben falsche Erwartungen", sagt Robert Knippschild, "der Leerstand hat oft gute Gründe: baulich schlechten Zustand oder ungeklärte Eigentumsverhältnisse."

Anne Wenkel ist derweil zurück in Berlin, die Entscheidung für oder gegen Görlitz steht noch aus. Ein Treffen mit der Förderinitiative "Kreatives Sachsen" habe ihr auf jeden Fall Mut gemacht, als Künstlerin vor Ort genug Unterstützung zu finden. 

Görlitz erinnert heute an das Berlin der späten Neunzigerjahre: eine schrumpfende Stadt mit viel Leerstand, hoher Arbeitslosigkeit und kaum Industrie. Doch in diesen Lücken wuchsen Off-Kultur und Kreativwirtschaft, die Berlin heute so attraktiv machen. Womöglich nimmt sich Görlitz ein Beispiel daran.