Bei allem Glanz ist da aber auch der schlechte Ruf Sachsens. Dresden, Meißen, Heidenau, Freital, Bautzen, Chemnitz: Die Liste der Städte mit rechtsextremen Ausschreitungen, Demonstrationen und Angriffen auf Migranten wird immer länger. Görlitz hat einen guten Ruf, auch weil es eine lebendige alternative Szene gibt. Am 26. Mai könnte das Bild dennoch leiden.

Am Tag der Europawahl wählt Sachsen auch seine Bürgermeister. In Görlitz tritt neben Kandidaten von CDU, Linken sowie einer Bewerberin eines Bündnisses um die Grünen für die AfD der Polizeikommissar Sebastian Wippel an. Sein Slogan für Görlitz, das sich gemeinsam mit der polnischen Schwesterstadt Zgorzelec am östlichen Neiße-Ufer seit über 20 Jahren als Europastadt versteht: "Mit Grenzen lebt sich's besser".

Sollte die Mehrheit der Wähler das ähnlich sehen und Wippel ihre Stimme geben, wäre es die erste Stadt mit einem AfD-Oberbürgermeister. Gut möglich, dass es so weit kommt. Schon bei der Bundestagswahl 2017 gelang der Partei hier mit 32,9 Prozent der Zweitstimmen ihr bundesweit zweitbestes Ergebnis, AfD-Kandidat Tino Chrupalla nahm dem sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer nach 15 Jahren das Direktmandat ab.

Kaum Netz, wenig Züge

Ein Thema für die Probewohner? "Ja", sagt Wissenschaftler Robert Knippschild, "das politische Klima spielt eine große Rolle für die von uns angesprochene Zielgruppe." Aber das muss sie nicht abschrecken, sondern kann Ansporn sein, findet Steve Grundig. Im schwarzen Kapuzenpullover und mit Strickmütze sitzt er an seinem Laptop in Görlitz' erstem Coworking-Space, dem Kolabor. "In kaum einer Region werden Antifaschisten gerade so sehr gebraucht wie hier", sagt Grundig.

Das selbstgegründete Unternehmen des Nachhaltigkeitsberaters hat seinen Sitz in Dresden. Grundig stammt aus Rügen, fürs Studium der Wirtschaftsethik zog er nach Zittau und verliebte sich in die Oberlausitz. Der Umzug nach Görlitz war schon beschlossene Sache, nur der Zeitpunkt noch offen, als er von "Stadt auf Probe" erfuhr. Die Zusage habe er dann als Zeichen verstanden, so Grundig. Nach dem Probemonat wird er in eine WG ziehen.

Könnte auch ein Coworking-Space in Berlin-Mitte sein: ein Zeichen-Workshop bei Anne Wenkel in Görlitz. © Kaspar Heinrich für ZEIT ONLINE

Nur zwei Dinge machen ihm zu schaffen: Netzabdeckung und Zuganbindung. "Auf dem Weg von Dresden nach Görlitz habe ich für je drei Minuten Netz, wenn der Zug im Bahnhof steht", klagt Grundig. In seinem Haus kann er nur an manchen Stellen telefonieren. Und die Entscheidung für die Schiene verlange einigen Idealismus. "Das Ende jeder Veranstaltung und jeder abendlichen Diskussion ist fahrplanmäßig der letzte Zug zwischen den Städten." Grundig sieht ein Henne-Ei-Problem: "Würden mehr Menschen die Bahn nutzen, würde das Angebot wohl attraktiver gestaltet werden. Und wäre das Bahnangebot attraktiver, würden viel mehr Menschen damit den Alltag planen."

Die Deutsche Bahn steuert Görlitz nicht an, es gibt nur den Bummelzug einer privaten Linie. Und nach Dresden, in die nächste Großstadt, braucht der eine Stunde und 17 Minuten. 2018 wurde die Anregung des Ministerpräsidenten, eine ICE-Verbindung von Berlin über Görlitz nach Polen und Tschechien einzurichten, von der Bahn abgewiesen. Die Nachfrage sei zu gering. Das Abgehängtsein wird beim Thema Verkehr in Görlitz greifbar.

Von denen, die in Görlitz zur Probe gelebt haben, wollen dennoch manche bleiben. Mark Mallon, finnischer Schriftsteller und Görlitzer auf Zeit im Januar, wird Ende April mit seiner Frau von Berlin nach Sachsen ziehen. "Bisher flogen alle zwei Minuten Flugzeuge über unser Dach, überhaupt war uns der Verkehr zu viel", sagt Mallon, der selbst kein Auto besitzt und aufs Radfahren und Spazierengehen schwört. Ursprünglich hatte er mit einem Umzug nach Zittau geliebäugelt, durchs Probewohnen ist seine Wahl nun aufs mehr als doppelt so große Görlitz gefallen.

Eine andere Teilnehmerin, Bildhauerin, kehrte enttäuscht aus Görlitz zurück. Nicht der Stadt wegen, die sie schätzt. Sie wollte sich eine Immobilie kaufen, die Suche blieb aber trotz Makler erfolglos. "Manche Leute haben falsche Erwartungen", sagt Robert Knippschild, "der Leerstand hat oft gute Gründe: baulich schlechten Zustand oder ungeklärte Eigentumsverhältnisse."

Anne Wenkel ist derweil zurück in Berlin, die Entscheidung für oder gegen Görlitz steht noch aus. Ein Treffen mit der Förderinitiative "Kreatives Sachsen" habe ihr auf jeden Fall Mut gemacht, als Künstlerin vor Ort genug Unterstützung zu finden. 

Görlitz erinnert heute an das Berlin der späten Neunzigerjahre: eine schrumpfende Stadt mit viel Leerstand, hoher Arbeitslosigkeit und kaum Industrie. Doch in diesen Lücken wuchsen Off-Kultur und Kreativwirtschaft, die Berlin heute so attraktiv machen. Womöglich nimmt sich Görlitz ein Beispiel daran.