Es gibt kaum ein Problem in diesem Land, das so lange und so hartnäckig verschwiegen wurde. Und es gibt kaum ein Problem, das in jüngster Zeit so mutig und so massenhaft dokumentiert wurde: Der sexuelle Missbrauch von Kindern, vor allem aber sein machtvolles Verschweigen sind ein Drama, das die gesamte Gesellschaft betrifft. Denn es gab in allen ihren Bereichen Verschweigemechanismen, im Privaten ebenso wie in Schulen und Kindergärten, in Heimen und Internaten, in Sportvereinen – und nicht zuletzt in den Kirchen.

Dass das Ausmaß des Missbrauchs offenbar wurde und dass heute niemand mehr davon ausgehen kann, es handle sich bei den vielen einzelnen Fällen um Einzelfälle, ist das Verdienst der Betroffenen. Immer mehr Menschen in Deutschland, die als Kinder missbraucht wurden, haben als Erwachsene den Mut gefasst, über etwas zu sprechen, das lange als etwas Beschämendes, ja als Stigma galt – und zwar für die Opfer. Heute kennen wir Opferzahlen, sie gehen in die Zehntausende. Und wir kennen Opferberichte, jeder davon auf eigene Weise deprimierend.

Das Deprimierendste jedoch sind die fehlenden Konsequenzen. Immer mehr Betroffene sprechen, in den letzten Jahren sogar öffentlich, sie werden auch öffentlich für ihren Mut gelobt – aber dann? Passiert gar nichts. Denn die gesetzlichen Verjährungsfristen passen noch immer nicht zu der Tatsache, dass betroffenen Kindern früher kaum geglaubt wurde – und dass es beim Kindesmissbrauch oft Jahrzehnte dauert, bis das Opfer das Unaussprechliche ausspricht. Die Regeln zur Opferentschädigung passen nicht zu der Tatsache, dass es für Betroffene schwer bis unmöglich ist, die Spätfolgen des Missbrauchs als dessen direkte Folgen zweifelsfrei nachzuweisen. Und die Vorbedingung für eine staatsanwaltliche Ermittlung, dass nämlich ein begründeter Verdacht im Einzelfall vorliegen muss, passt nicht zu der Tatsache, dass der schlimmste begründete Verdacht, der etwa die Kirchen betrifft, ein systematischer ist. Er lautet auf organisierte Strafvereitelung.

Betroffene stärken

Und nun? Was zu tun wäre gegen Verbrechen, die mit den vorhandenen Mitteln des Rechtsstaates nicht mehr geahndet werden können, ist eine komplexe Frage – so komplex, dass die Politik bislang kaum Antworten hatte. Ihre bislang beste war wohl die Schaffung der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, die der Bundesregierung zugeordnet ist. Sie kontrolliert und kommentiert, wie in Deutschland tatsächlich aufgearbeitet wird. Sie soll zeigen, was fehlt.

Die Kommission begann ihre Arbeit im Mai 2016, seither haben sich dort rund 1.800 Betroffene gemeldet, es fanden 900 vertrauliche Anhörungen statt, zusätzlich gingen 320 schriftliche Berichte ein. Nun legt das Gremium erstmals eine Bilanz vor. Sie ist 200 Seiten dick, sehr konkret und wird durch 30 exemplarische Berichte von Betroffenen komplettiert. Am Mittwoch wurde sie von der Leiterin der Kommission Sabine Andresen und dem Unabhängigen Beauftragten Johannes Wilhelm Rörig vorgestellt. Der Bericht enthält so brisante Kapitel wie: Überleben in der Kindheit und das Schweigen der anderen; Folgen und Bewältigungsmuster im Erwachsenenalter; Umgang mit Betroffenen im sozialen Umfeld und in Behörden; Widerstände in der Auseinandersetzung mit sexuellem Kindesmissbrauch.

Vor allem aber gibt die Kommission nun Empfehlungen an Politik und Gesellschaft. Die wichtigste ist: Stärkt die Position Betroffener! Das klingt abstrakt, ist aber eine höchst praktische Forderung. Denn bis heute ist es in Institutionen wie etwa der Kirche nicht selbstverständlich, dass Betroffene mehr als Bittsteller sind, dass sie bei der Aufklärung eine zentrale Rolle spielen und ihre Belange selbst öffentlich vortragen können.

Die Kommission rät auch zu einem "sensibleren Umgang mit Betroffenen in Behörden und Institutionen". Das mag nach einer Selbstverständlichkeit klingen, in Wirklichkeit machen Betroffene bis heute die Erfahrung, dass sie sich gegenüber Institutionen, die Täter geschützt haben, rechtfertigen und Rechte erkämpfen müssen, selbst wenn ihre Fälle klar belegt sind. Die Kommission moniert, dass es in der sogenannten Missbrauchsaufklärung erneut zu "Ohnmachts- und Missachtungserfahrungen" komme. Es mangele an Therapiemöglichkeiten. Und bei Anträgen auf Opferentschädigung wie auch in Gerichtsverfahren komme es zu stigmatisierenden, retraumatisierenden Situationen.

Missbrauch ist ein Problem von heute

Jeder sollte diese 200 Seiten lesen. Sie sind nicht nur gut lesbar geschrieben, sie beschönigen nichts, sie sind klar und erhellend in der Analyse, und immer wieder bringen eindrucksvolle Zitate von Betroffenen das jeweilige Problem auf den Punkt. Man könnte sagen: Dies ist eines der besten "Bücher", das man zum Thema lesen kann.

Sechs Seiten füllt die Kommission mit konkreten Empfehlungen. Was Politik und Gesellschaft am dringendsten umsetzen sollten: bessere Netzwerke für Hilfe, leichterer Zugang zu Entschädigung, Schutzkonzepte für Kinder. Der überraschendste Rat aber ist wohl der: "Die Kommission empfiehlt Institutionen, in denen Missbrauch stattfand, mit der Aufarbeitung zu beginnen."

Mit der Aufarbeitung beginnen: Ist das noch nötig? Wer glaubt, das sei längst der Fall, sollte die Opferberichte lesen, die die Kommission dokumentiert. Anders, als gern behauptet wird, sprechen da keineswegs nur sehr alte Betroffene, im Gegenteil. Kindesmissbrauch ist ein Problem nicht von gestern, sondern von heute. Gut ist, dass es nun weiträumig dokumentiert wird. Aber genügen wird künftig eben nicht mehr, dass "mit den Betroffenen geredet wird". Dieses Reden muss endlich Folgen haben. Dazu gehört auch: dass der Staat einschreitet, wo Verbrechen institutionell vertuscht wurden, und dass Gesetze geändert werden, wo sie unzulänglich sind.