Für den Bundesinnenminister dürfte es einer der wichtigsten Termine des Jahres sein: der Tag, an dem er die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) präsentiert, also an diesem Dienstag. Schließlich geht es um die Sicherheit im Land. Und ganz egal, in welche Richtung die Kurve sich neigt, Horst Seehofer kann, wie auch seine Vorgänger, die Zahlen für politische Botschaften nutzen: Sinkt die registrierte Kriminalität, ist das eine Erfolgsmeldung, das Resultat guter Arbeit der Sicherheitsbehörden. Steigt sie, muss die Polizei dringend gestärkt werden, sei es durch Geld oder weitergehende Befugnisse.

Die PKS, so erscheint es, ist in den vergangenen Jahren mit immer mehr Bedeutung aufgeladen worden. Je heftiger über mögliche Bedrohungen durch Flüchtlinge, über Terrorismus und eine Verrohung der Gesellschaft diskutiert wird, umso stärker wächst die gefühlte Unsicherheit. Da tut es gut, sich auf Fakten berufen zu können. Das gilt für alle politischen Lager: Aus der PKS ließ sich im vergangenen Jahr etwa lesen, dass die Zahlen sich viel positiver entwickeln, als der öffentliche Diskurs es vermuten lassen würde. Also alles nur Panikmache! Es ließ sich aber in einer Sonderauswertung aus den Zahlen für 2017 ebenso lesen, dass Zuwanderer überproportional häufig Tatverdächtige sind. Haben wir es doch gewusst!

Dass die PKS nur bedingt dafür taugt, ein objektives Bild der Sicherheitslage in Deutschland zu zeichnen, liegt auch an ihren blinden Flecken: Sie zeigt nur Fälle, mit denen die Polizei sich beschäftigt hat. Bei einigen Delikten gibt es aber ein großes Dunkelfeld, etwa bei Sexualstraftaten. Und auf der anderen Seite kommt längst nicht bei jeder angezeigten Tat ein Richter zu dem Schluss, dass auch wirklich eine Straftat geschehen ist. In der PKS bleiben diese Fälle dennoch.

31.000 Menschen befragt

Der wichtigere Termin an diesem Dienstag ist deshalb ein anderer: Holger Münch, der Chef des Bundeskriminalamts, wird neben Seehofer einen Bericht vorstellen, der die blinden Flecken der PKS zumindest verkleinern kann: Für den sogenannten Viktimisierungssurvey wurden 31.000 Menschen unter anderem gefragt, ob sie Opfer einer Straftat wurden. Dort tauchen also auch Taten auf, die nicht angezeigt oder von der Polizei entdeckt wurden. Die Menschen wurden außerdem gefragt, wie sicher sie sich fühlen. Für Daten über Ängste der Deutschen muss bisher meist auf die Befragung einer Versicherung zurückgegriffen werden.

Welche Erkenntnisse können die neuen Daten bringen? Zum Beispiel einen etwas engeren Abgleich zwischen Ängsten und tatsächlicher Bedrohung. Der Kriminologe Thomas Feltes hat so eine Viktimisierungsstudie für die Stadt Bochum bereits 2016 durchgeführt. Von den Befragten gaben 0,3 Prozent an, im Jahr vor der Befragung Opfer eines Raubes geworden zu sein. Allerdings hielten es 18,2 Prozent für wahrscheinlich, in den kommenden zwölf Monaten Opfer einer solchen Straftat zu werden. "Damit ist der Glaube, im nächsten Jahr Opfer zu werden, 62-mal so hoch wie die reale Gefahr", schreibt Feltes.

Etwas mehr Sachlichkeit

Der bisher einzige (und damals noch nicht auf Wiederholung ausgelegte) bundesweite Viktimisierungssurvey stammt aus dem Jahr 2012 und hat ergeben, dass jeweils weniger als ein Prozent der Bürgerinnen und Bürger in einem Jahr von schwereren Formen der Kriminalität wie Wohnungseinbruch Raub oder Kfz-Diebstahl betroffen waren. Wie sich diese Zahlen verändern, wird sich von nun an beobachten lassen. Die Innenministerkonferenz hat beschlossen, dass diese Viktimisierungssurveys nun regelmäßig erhoben werden sollen, am besten jährlich, doch zweijährlich erscheint ihr realistischer.

Wenn Horst Seehofer und Holger Münch heute ihre Zahlen präsentieren, ist das also durchaus einer der wichtigsten Termine des Jahres. Für die Sicherheit, vor allem aber für die Sachlichkeit im Land.