Obdachlose haben in Paris in der Nähe der teilweise ausgebrannten Kathedrale Notre-Dame demonstriert und mehr Aufmerksamkeit für ihre Situation verlangt. Etwa 50 Mitglieder einer Obdachlosenvereinigung, die zum Teil gelbe Warnwesten trugen, versammelten sich vor der Kirche. Ihre Parole war "Notre-Dame braucht ein Dach. Wir auch" – eine Anspielung auf das Notdach, das über der Kirche errichtet werden soll, um sie vor Regen und Schnee zu schützen.

Die Demonstrantinnen und Demonstranten kritisierten die Spendenfreude von reichen Franzosen für den Wiederaufbau von Notre-Dame. "Eine Milliarde in 24 Stunden", stand auf Plakaten zu lesen – für Obdachlose gebe es dagegen null Euro. In Sprechchören wandten sie sich an den Vorstandschef der Luxusmarke LVMH, Bernard Arnault, der 200 Millionen Euro zugesagt hatte.

Nach dem Brand von Notre-Dame waren binnen Stunden Hunderte Millionen Euro an Spenden zugesagt worden. Neben Arnault hat auch der Milliardär François Pinault 100 Millionen Euro versprochen; seiner Firma gehört unter anderem die Modemarke Gucci.

Die Kathedrale sei nach dem verheerenden Großbrand so gut wie gerettet, sagte Frankreichs Kulturminister Franck Riester bei einer Spendengala des TV-Senders France 2 am Samstag, bei der Dutzende Musikerinnen und Musiker auftraten, unter ihnen die Sängerin Mireille Mathieu und der Pianist Lang Lang. Fast alle Schwachstellen des Gebäudes seien stabilisiert worden, sagte Riester, das Gewölbe müsse an einigen Stellen noch vom Schutt befreit und abgesichert werden.

"In jedem Dorf gibt es eine Notre-Dame"

Doch die Aufmerksamkeit, die Notre-Dame bekommt, provoziert den Protest vieler Experten für das Kulturerbe außerhalb von Paris. Denkmäler im ganzen Land seien vom Verfall bedroht, heißt es in einem offenen Brief, den der Radiosender Franceinfo veröffentlichte. "In jedem Dorf in Frankreich gibt es eine 'Notre-Dame', die manchmal in den Flammen der Gleichgültigkeit verbrennt."

Seit Jahrzehnten ziehe sich der Staat politisch und finanziell aus dem Erbe zurück, kritisieren die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner, die einen Notfallplan für Frankreichs Kulturerbe fordern: "Es hat eine internationale Katastrophe gebraucht, bis unsere gewählten Vertreter die Dringlichkeit der Situation erkannt haben." Mit dem vorhandenen Geld könne an den Gebäuden nur der jeweils schlimmste Notfall behoben werden, aber nicht einmal die Instandhaltung finanziert werden.

Erinnerung an Armut, Kriege und Hunger

Der Linke-Politiker Gregor Gysi kritisierte im Tagesspiegel die französischen Unternehmerfamilien der Arnaults, Pinaults und Bettencourts, die innerhalb von Stunden 100 beziehungsweise 200 Millionen Euro zugesagt hatten. "Wieso spenden sie nicht, um den Hunger zu bekämpfen, oder für die Seenotrettung im Mittelmeer?" Der Wiederaufbau von Notre-Dame gehe den Reichen ans Herz, aber die Armut nicht: "Es gibt so viele Probleme auf der Welt, wo die Milliardäre nichts tun."

Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick sagte, der Wiederaufbau von Notre-Dame sei für ihn ein Herzensanliegen, aber "dabei dürfen nicht die abgebrannten Wohn- und Krankenhäuser in Aleppo, Mossul, Palästina, Nigeria, Jemen und die Menschen dort vergessen werden". Das Erzbistum Berlin hatte hingegen eine andere Botschaft gewählt und bei seiner Osterkollekte zu Spenden für Notre-Dame de Paris aufgerufen: Es gehe um eine Geste der Verbundenheit mit den dortigen Katholiken. Die Stadt Berlin rief zu Spenden für ihre französische Partnerstadt Paris auf.

Die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor wies den Versuch zurück, Spenden für die Kathedrale gegen Spenden für Menschen in Not auszuspielen. Notre-Dame symbolisiere ein Stück Menschheitsgeschichte und vereine Menschen aller Religionen und Überzeugungen, sagte sie dem Portal t-online. Das Leid der Menschheit lasse sich nicht allein mit Spendengeldern beseitigen; nötig sei eine grundsätzliche Korrektur der internationalen Politik. "Die humanitäre Hilfe dagegen ist tragischerweise ein Fass ohne Boden."