Am Morgen nach dem Brand ist der große Platz vor Notre-Dame de Paris abgeriegelt. Rauch und Flammen sind verschwunden und auch der Geruch hat sich verzogen. Einzelne Feuerwehrkräne ragen noch die steinerne Fassade der Kathedrale empor, Einsatzkräfte mit weißen Helmen und roten Uniformen laufen oben am Bauwerk umher, gebannt von den Teleobjektiven der Fotografen. Die drängen sich unten, entlang des Quai de Montebello, zwischen Polizisten, Touristen, Anwohnern, Stativen, Kameras, Übertragungswagen, Soldaten.

Hier, auf der linken Seite der Seine im Viertel Saint-Michel, spucken an gewöhnlichen Tagen ungezählte Reisebusse asiatische Touristengruppen auf die Trottoirs. Fußgänger stehen sich auf den Füßen, entlang der kleinen grünen Verkaufsstände mit den alten Büchern und Eiffelturmbildern; es wird viel geflucht. Heute ist es noch viel voller als sonst, aber man hört fast niemanden fluchen.

Manche murmeln ungläubig oder unterhalten sich mit den Leuten, die zufällig neben ihnen stehen. Und weil die Notre-Dame fast 70 Meter hoch ist, starren alle in die Luft, mit offenen Mündern, wie in einem Roland-Emmerich-Film. Der 16. April ist kein gewöhnlicher Tag, sicher nicht für Paris, nicht für Frankreich und vermutlich auch nicht für Europa.

Die Seele der Stadt

Im historischen Kern der Stadt überdauerte Notre-Dame Jahrhunderte der Kriege und Revolutionen. Unbeeindruckt von all den Veränderungen um sie herum, dem explodierten Konsum, den Millionen Menschen, die jedes Jahr über ihre Esplanade laufen. In dieser an Monumenten so übersättigten Metropole ist Notre-Dame so etwas wie ihre Seele.

Monique Bécot, eine kleine ältere Dame mit rotblonder Kurzhaarfrisur und schwarzem Pelzmantel, hat sich gerade von einem Freund verabschiedet, der sie im Arm hielt, während sie sich Tränen aus den Augen wischte. "Als ich heute Morgen gehört habe, dass es 40 Jahre dauern könnte, bis Notre-Dame wieder aufgebaut ist, bin ich zusammengebrochen", sagt Bécot. Sie hat eine kleine Digitalkamera aus ihrer Tasche geholt, um Bilder zu machen von ihrer Kirche. "Es könnte sein, dass ich sie nie wieder betreten werde. Ich bin erschüttert."

Erst um halb drei habe sie in der vergangenen Nacht schlafen können, sagt Bécot. Für sie, die seit über 50 Jahren in Paris lebe, war Notre-Dame viel mehr als ein monumentales Bauwerk. Die Kirche war auch Heimat. Erst am Sonntag um 10.30 Uhr habe sie die Messe besucht, davor am Freitag. Sie liebe klassische Musik; Brahms, Beethoven. Notre-Dame sei für sie das Symbol des Christentums in Frankreich, aber auch ein historischer Ort. "Hier gab es den Trauergottesdienst für General Leclerc nach dessen Tod", sagt Bécot, und fügt hinzu: "Mein Vater war im Zweiten Weltkrieg." Sie sei sich nicht sicher, wie es jetzt weitergehe. "Viele werden in die Kirche Saint-Sulpice emigrieren, sie ist nun die größte Kirche von Paris." Ihr bleibe nichts übrig als abzuwarten, ob Notre-Dame zu ihren Lebzeiten wieder aufgebaut werde. Sie steckt die Kamera wieder weg, zunächst, ohne ein Foto gemacht zu haben.

Um sie herum klicken die Auslöser der Kameras ohne Unterlass, es entstehen Tausende fast identische Bilder. Auf den Fotos von der Front verraten nur die Feuerwehrautos, dass etwas nicht stimmt. Aber auf denen von der Seite sieht man, dass vom Dachstuhl nicht mal ein Gerippe geblieben ist.