Mindestens 250 Tote und viele Verletzte: Die Anschlagsserie am Ostersonntag hat Sri Lanka in den Ausnahmezustand versetzt. Weltweit haben Staatsoberhäupter ihr Beileid bekundet. Die Attentate sind die schwersten in dem Land seit Ende des Bürgerkriegs vor zehn Jahren. Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Wie verlaufen die Ermittlungen?

Am Montag rief Sri Lankas Regierung den Ausnahmezustand aus, der den Sicherheitskräften zusätzliche Befugnisse gibt. Er gilt laut dem Büro von Präsident Maithripala Sirisena ab Mitternacht (Ortszeit), um es der Polizei und dem Militär zu ermöglichen, "die öffentliche Sicherheit zu gewährleisten". Für die Nacht zum Dienstag galt wie schon am Montag eine Ausgangssperre.   

Sirisena berief außerdem ein dreiköpfiges Team ein, um die Serie von Selbstmordanschlägen zu untersuchen. Dem Team gehören ein Richter des Obersten Gerichtshofs sowie ein ehemaliger Polizeichef und ein Ex-Regierungsbeamter an. Sie sollen in zwei Wochen einen ersten Bericht vorlegen.

Sicherheitskräfte fahnden derzeit im ganzen Land nach den Verantwortlichen für die Anschläge. Bei den Ermittlungen entdeckte die Polizei an der zentralen Busstation in Colombo nach eigenen Angaben 87 Zünder für Bomben. Außerdem fanden Ermittler in der Nähe einer der Anschlagsorte einen Sprengsatz in einem geparkten Auto. Bombenentschärfer sprengten das Fahrzeug in der Nähe der St.-Antonius-Kirche in der Hauptstadt Colombo.

Die internationale Polizeiorganisation Interpol schickt ein Expertenteam nach Sri Lanka. Das Team werde auf Ersuchen der sri-lankischen Behörden eingesetzt und solle die Ermittlungen nach der Anschlagsserie unterstützen, hieß es in einer Mitteilung von Interpol. Es bestehe aus Spezialisten mit Expertise in den Bereichen Tatortuntersuchung, Sprengstoff, Terrorismusbekämpfung und Opferidentifizierung.

Einem Bericht der Washington Post zufolge entsandte auch die US-Bundespolizei FBI Ermittler nach Sri Lanka und bot offiziell Unterstützung an, etwa bei der Laboruntersuchung von Sprengstoffresten. Die Zeitung beruft sich auf Ermittlerkreise.

Nach oben Link zum Beitrag

Wie verlief die Anschlagsserie?

Insgesamt gab es acht Detonationen in drei Kirchen, vier Hotels und einem Wohngebiet. Die ersten Explosionen erfolgten am Morgen fast zeitgleich in den drei Kirchen, als dort gerade die Ostergottesdienste abgehalten wurden. Bei den Kirchen handelt es sich um die Sankt-Antonius-Kirche in der Hauptstadt Colombo, die Sankt-Sebastian-Kirche im rund 30 Kilometer von der Hauptstadt entfernten Negombo sowie die Zionskirche in Batticaloa, rund 250 Kilometer östlich von Colombo.

Die drei Luxus-Hotels

Etwa gleichzeitig mit den Detonationen in den Kirchen ereigneten sich außerdem Explosionen in den Luxushotels Shangri-La, Cinnamon Grand und Kingsbury in Colombo. Dort sollen auch Ausländer verletzt worden sein. Später am Tag wurde eine siebte Explosion in einem kleinen Hotel in einem Vorort der Hauptstadt Colombo mit zwei Toten gemeldet. Eine achte Explosion ereignete sich am Nachmittag (Ortszeit) in einer Wohngegend in Dematagoda, einem anderen Vorort Colombos. Wenige Stunden später entschärften Sicherheitskräfte nahe dem Flughafen von Colombo außerdem noch eine Rohrbombe. Ob die Explosionen koordiniert waren, ist noch nicht bestätigt, die zeitliche Nähe lässt es aber vermuten. Wie am Ostermontag bekannt wurde, waren die Anschläge auf die drei Kirchen und die drei Luxushotels Selbstmordattentate. Das sagte ein für die sri-lankische Regierung arbeitender Forensiker.

Nach oben Link zum Beitrag

Was ist über die Täter bekannt?

Wer für den Terror verantwortlich ist, ist noch unklar. Allerdings bekannte sich der "Islamische Staat" zu den Anschlägen. Das IS-Sprachrohr Amaq berichtete in den sozialen Netzwerken, dass die Angreifer Kämpfer des "Islamischen Staates" gewesen seien. Die Echtheit der Mitteilung lässt sich nicht unabhängig prüfen. Das Bekenntnis erfolgte aber über die üblichen Kanäle in den sozialen Netzwerken, in denen der IS auch bereits in der Vergangenheit Anschläge für sich reklamiert hatte. Möglich ist, das einzelne Attentäter Verbindungen zum "Islamischen Staat" hatten.

Die sri-lankische Regierung hat Hinweise, dass die Anschlagsserie als "Vergeltung" für den Angriff auf zwei Moscheen in der neuseeländischen Stadt Christchurch gedacht war. Erste Ermittlungsergebnisse deuteten darauf hin, teilte Vizeverteidigungsminister Ruwan Wijewardene dem Parlament zwei Tage nach den Anschlägen mit. Ein australischer Rechtsextremist hatte dort im März 50 Menschen getötet. Die Regierung macht laut Wijewardene die radikalen Gruppierungen National Thowheed Jama'ath (NTJ) und Jammiyathul Millathu Ibrahim (JMI) für die Anschläge verantwortlich.

Nach Angaben der Polizei wurden 40 Verdächtige festgenommen. Bei zumindest einem Teil der Verdächtigen handelt es sich laut Regierungschef Ranil Wickremesinghe um Einwohner des Inselstaats, allerdings gingen die Behörden auch möglichen Verbindungen ins Ausland nach. Laut Polizeiangaben ist auch der Fahrer des Wagens unter den Festgenommenen, den die Selbstmordattentäter angeblich benutzt haben sollen. Auch ein Hausbesitzer sei festgenommen worden, bei dem die Täter untergekommen sein sollen.

Die drei Kirchen

Die Nachrichtenagentur AFP berichtete zudem unter Berufung auf Polizeikreise, zwei der Attentäter seien aus der Hauptstadt Colombo stammende Brüder. Sie hätten innerhalb ihrer Familie eine "Terrorzelle" gebildet und sich in den Hotels Shangri-La und Cinnamon Grand in die Luft gesprengt.

Polizeichef Pujuth Jayasundara hatte bereits vor zehn Tagen nach Hinweisen ausländischer Geheimdienste vor Anschlägen auf Kirchen gewarnt. Als potenzielle Täter nannte der ranghöchste Polizist Sri Lankas da bereits die NTJ, eine Organisation muslimischer Tamilen, die in der Öffentlichkeit 2018 durch die Zerstörung von Buddhastatuen bekannt wurde. Der Minister für Umsiedlungen und Wiedereingliederung, Mahmud Lebbe Alim Mohammed Hisbullah, warnte jedoch vor voreiligen Schuldzuweisungen. "Die Ermittlungen laufen. Aber es gibt keine Beweise gegen eine spezielle Partei, Gemeinschaft oder Gruppe", sagte der muslimische Politiker am Ostersonntag in einem Interview mit dem malaysischen Nachrichtenportal The Leaders Online.

Premierminister Ranil Wickremesinghe bestätigte in einer Fernsehansprache am Sonntagabend, dass dem Geheimdienst Hinweise auf einen möglichen Anschlag vorgelegen hatten. Es müsse untersucht werden, warum keine entsprechenden Maßnahmen ergriffen worden seien, sagte Wickremesinghe. Vorrangiges Ziel sei es jedoch zunächst, "die Terroristen zu fassen".

Nach oben Link zum Beitrag

Wer sind die Opfer?

Laut den sri-lankischen Behörden starben insgesamt 253 Menschen. Zuvor war von 359 Opfern die Rede gewesen. Nach Abschluss der Autopsien korrigierte das Gesundheitsministerium die Zahl um mehr als 100 nach unten. Mehrere verstümmelte Leichen seien doppelt gezählt worden, teilte das Ministerium mit. Ob das auch die Zahl der ausländischen Opfer ändert, ist bislang nicht klar. Zuletzt sprachen die Behörden von mindestens 35 Ausländern aus acht Staaten. Von den 485 in die Krankenhäuser eingewiesenen Verletzten sind noch 149 in stationärer Behandlung.

Laut dem sri-lankischen Außenministerium sind die Nationalitäten von elf ausländischen Opfern inzwischen verifiziert worden. Drei Personen hätten die britische Staatsbürgerschaft, zwei die britische und die amerikanische, zwei die türkische, drei die indische und eine Person die portugiesische Staatsangehörigkeit. Neun Ausländer seien als vermisst gemeldet.

Der niederländische Außenminister Stef Blok schrieb auf Twitter, eine Niederländerin sei bei den Anschlägen getötet worden. Chinesischen Staatsmedien zufolge starb bei den Anschlägen auch eine Person mit chinesischer Staatsangehörigkeit. US-Außenminister Mike Pompeo bestätigte mehrere US-Bürger unter den Opfern, nannte dabei aber keine Zahl.

Ein Opfer der Anschläge hatte nach Informationen des Auswärtigen Amtes neben dem US-amerikanischen auch einen deutschen Pass. Soweit bisher bekannt ist, seien keine weiteren Deutschen unter den Getöteten. Die deutsche Botschaft in Sri Lanka steht laut Außenminister Heiko Maas (SPD) mit den lokalen Behörden in Kontakt und bemüht sich um Aufklärung über weitere mögliche deutsche Opfer. Das Auswärtige Amt richtete einen Krisenstab ein. Angehörige können sich unter der Telefonnummer 030/500 00 melden.

Drei der vier Kinder des dänischen Milliardärs Anders Holch Povlsen starben bei den Selbstmordattentaten in Colombo, wo die Familie einen Urlaub verbrachte. Das gab ein Sprecher seiner Unternehmensgruppe gegenüber der dänischen Zeitung Ekstra Bladet bekannt. "Wir können das leider bestätigen", sagte er. "Wir bitten Sie, die Privatsphäre der Familie zu respektieren und geben daher keine weiteren Kommentare."

Nach oben Link zum Beitrag

Wie ist die politische Lage in Sri Lanka?

Jahrzehntelang führten die Minderheit der Tamilen im Norden des Landes und andere Rebellen in Sri Lanka einen Bürgerkrieg. Die Rebellengruppe Befreiungstiger von Tamil Eelam (LTTE) hatte für einen unabhängigen tamilischen Staat im Norden des Landes gekämpft. Nach UN-Angaben starben in dem Konflikt bis zu 100.000 Menschen. Allein in den letzten Kriegsmonaten sollen UN-Schätzungen zufolge 40.000 Zivilisten getötet worden sein. Mehr als 300.000 Männer, Frauen und Kinder wurden vertrieben, viele leben noch immer in staatlichen Auffanglagern. Die Armee ging gegen die Aufständischen vor und besiegte sie schließlich. Der Bürgerkrieg endete 2009 nach 26 Jahren. Die UN wirft beiden Seiten Kriegsverbrechen vor.

Ende 2018 befand sich Sri Lanka in einer politischen Krise. Staatspräsident Sirisena hatte im Oktober eigenhändig den Regierungschef Wickremesinghe entlassen und den ehemaligen Präsidenten Mahinda Rajapaksa (UPFA) als dessen Nachfolger eingesetzt. Rajapaksa hatte 2015 nach fast zehn Jahren im Amt überraschend die Präsidentenwahl gegen seinen Parteikollegen Sirisena verloren. Zuvor waren Vorwürfe wegen Menschenrechtsverletzungen, Korruption und Vetternwirtschaft gegen ihn öffentlich geworden. Er und seine Familie hatten den Inselstaat zunehmend autokratisch regiert.

Wickremesinghe wertete die Vereidigung seines Nachfolgers als illegal und kündigte gerichtliche Schritte an. Rajapaksa gelang es in der Folgezeit nicht, ein Vertrauensvotum des Parlaments zu erhalten. Auch der Versuch von Präsident Sirisena, das Parlament aufzulösen und Neuwahlen anzusetzen, scheiterte, da er vom Verfassungsgericht für ungültig erklärt wurde. Daraufhin erklärte Rajapaksa seinen Rücktritt und Wickremesinghe wurde am 16. Dezember 2018 erneut als Premierminister vereidigt. Präsident Sirisena ist bis heute im Amt. 

Im Demokratie-Index der britischen Zeitschrift The Economist belegte Sri Lanka 2018 den 71. Platz und gilt damit als "unvollständige Demokratie".

Nach oben Link zum Beitrag

Wie ist die Menschenrechtslage?

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International kritisierte in ihrem Länderbericht 2017 die auch nach dem Bürgerkrieg weiter existierenden Menschenrechtsprobleme im Land. Die Behörden griffen demnach immer noch auf das Antiterrorgesetz zurück, um Tatverdächtige festzunehmen und zu inhaftieren. Menschen in Polizeigewahrsam würden gefoltert oder anderweitig misshandelt und es herrsche weiterhin Straflosigkeit für Menschenrechtsverletzungen und Fälle von Verschwindenlassen.

Im Mai 2016 berichtete der UN-Sonderberichterstatter über Folter und andere grausame und erniedrigende Behandlungen oder Strafen in Sri Lanka. Er stellte fest, dass die Polizei nach wie vor schwere Formen von Folter im Rahmen von Kriminalermittlungen anwendet. In vielen Fällen gingen sie für die Täter straflos aus. Auch Human Rights Watch berichtet von regelmäßiger Folter in dem Land.

Der Inselstaat von der Größe Bayerns hat gut 20 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. Nur etwa sieben Prozent der Bevölkerung Sri Lankas sind Christen, die Mehrheit ist buddhistisch. Zwischen den Religionsgemeinschaften und ethnischen Gruppen kommt es in dem Land regelmäßig zu Auseinandersetzungen und Kämpfen. Radikale buddhistische Mönche schüren Hass und Gewalt vor allem gegen die muslimische, aber auch gegen die christliche Minderheit. Immer wieder kommt es zu antimuslimischen Angriffen wie im Mai 2018, als radikale Buddhisten in Kandy Moscheen verwüsteten, muslimische Geschäfte brandschatzten und mindestens drei Menschen töteten.

Sri Lanka ist auch heute noch gespalten: Die buddhistische Mehrheit, die im Süden des Landes lebt, dominiert Politik, Wirtschaft und Militär. Die Tamilen leben im Norden und sind zu 80 Prozent Hindus, die anderen 20 Prozent Christen und Muslime.

Nach oben Link zum Beitrag

Was müssen Reisende in Sri Lanka beachten?

Das Auswärtige Amt hat seine Reisehinweise für Sri Lanka nach den Anschlägen aktualisiert. Reisende in dem südostasiatischen Inselstaat werden gebeten, die Anschlagsorte weiträumig zu meiden, die lokalen Medien zu verfolgen, engen Kontakt zu Reiseveranstaltern und Fluggesellschaften zu halten und Anweisungen von Sicherheitskräften Folge zu leisten. Das Krisenreaktionszentrum des Auswärtigen Amtes bittet Reisende außerdem, sich bei Verwandten und Freunden möglichst per Telefonanruf oder SMS zu melden und die verhängte Ausgangssperre zu beachten. Die Regierung hat zwei Feiertage ausgerufen, Schulen und die Börse bleiben geschlossen. Um die Verbreitung von Falschnachrichten zu verhindern, stellten die Behörden in Sri Lanka zahlreiche soziale Medien ab. Betroffen waren unter anderem Facebook, Instagram, WhatsApp, Snapchat und YouTube – Twitter dagegen offensichtlich nicht.

Nach Auskunft der Flughafenbehörde sind Fahrten zum Flughafen mit gültigem Reisepass und Flugticket trotz der Ausgangssperre erlaubt. Wer vom Flughafen Bandaranaike fliegen will, sollte sich laut dem Auswärtigen Amt vier Stunden vor Abflug am Flughafen einfinden. Das gilt bis auf Weiteres für Passagiere aller Fluglinien. Mit weitreichenden Sicherheitsmaßnahmen wie Absperrungen, aber auch Einschränkungen im Flugverkehr und verstärkten Kontrollen vor dem Betreten des Flughafengebäudes und dem Abflug sei zu rechnen. Laut dem staatlichen Nachrichtenportal news.lk dürfen nur Passagiere mit gültigen Tickets das Flughafengebäude betreten. Bandaranaike ist einer von zwei Flughäfen auf Sri Lanka, die vom internationalen Flugverkehr angeflogen werden. Er befindet sich rund 35 Kilometer nördlich von Colombo, wo sich der Großteil der Anschläge ereignete.

Die USA warnen in ihren neuesten Reisehinweisen, dass die Anschläge in Sri Lanka weitergehen könnten. "Terroristische Gruppen planen weitere mögliche Angriffe", hieß es darin. Ziele könnten neben Hotels und Gebetshäusern auch andere Orte sein, an denen sich Touristen aufhalten, wie Einkaufszentren und Verkehrsknotenpunkte. Auch andere Länder wie Australien oder Irland ermahnten Reisende zur Vorsicht.

Nach oben Link zum Beitrag