Die Staatsanwaltschaft Krefeld hat ihre Ermittlungen gegen Hartmut H. nach siebeneinhalb Jahren eingestellt. Wie die Anklagebehörde mitteilte, ergab sich "nach Ausschöpfung aller erfolgversprechenden Ermittlungsansätze" kein eindeutiger Tatverdacht.

H. wurde vorgeworfen, sich an mutmaßlichen Verbrechen der Colonia Dignidad in Chile beteiligt zu haben. Der frühere Mediziner, der heute in Deutschland lebt, galt dabei als Vertrauter von Paul Schäfer, dem Gründer und Leiter der sektenähnlichen Siedlungsgemeinschaft. Ermittler gingen davon aus, dass H. mitverantwortlich ist für den Tod von drei oppositionellen Studenten, die im Mai 1976 verschwunden waren. Zudem stand er im Verdacht, Beihilfe zu Sexualstraftaten von Schäfer geleistet zu haben. Dieser soll zwischen 1993 und 1997 chilenische Kinder missbraucht haben. 

Unzureichende Beweise für das deutsche Recht

In Chile war H. wegen der Beihilfe zum sexuellen Kindesmissbrauch bereits zu einer Haftstrafe verurteilt worden. Nach Ansicht der Krefelder Staatsanwaltschaft reichte die Feststellung im damaligen Urteil des chilenischen Gerichts jedoch "nicht aus, um eine nach deutschem Recht strafbare Beihilfe des Beschuldigten zu den Straftaten Paul Schäfers zu belegen".

Auch deshalb hatte das Oberlandesgericht Düsseldorf im vergangenen September entschieden, dass das chilenische Gerichtsurteil gegen H. in Deutschland nicht vollstreckt werden darf. Dass H. der Leitung der Colonia Dignidad angehörte und an der Gründung eines Internats mitwirkte, reiche nach deutschem Recht nicht, um eine Beihilfetat zu begründen, befand das Gericht damals.

Das Europäische Zentrum für Verfassungs- und Menschenrecht, das einen Teil der Opfer der Colonia Dignidad vertritt, kritisierte die Einstellung der Ermittlungen gegen H. Andreas Schüller, Jurist der Organisation, nannte die jüngsten Entwicklungen "desaströs". Einem Bericht der ARD zufolge will die Bundesregierung den rund 180 Überlebenden der Siedlung eine Anerkennungszahlung von einmalig rund 5.000 Euro zusprechen. Diese Summe, über die erst noch offiziell entschieden werden muss, entspreche in keiner Weise dem erlittenen Unrecht, sagte Schüller.

Beste Kontakte zum Pinochet-Regime

1961 hatte der ehemalige Wehrmachtsgefreite Paul Schäfer die Colonia Dignidad in Chile gegründet – auf einem 300 Quadratkilometer großen Areal, rund 400 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago. Dort versprach er seinen Anhängern ein "urchristliches Leben im Gelobten Land". Tatsächlich schuf der aus einem freikirchlichen Umfeld stammende Laienprediger ein diktatorisches Regime und unterband jeden Kontakt der Sektenmitglieder zur Außenwelt.

Schäfer selbst knüpfte indes beste Kontakte zu den Schergen der chilenischen Militärdiktatur unter Augusto Pinochet. Zwischen 1973 und 1990 wurden in der Colonia Hunderte Regimegegner vom chilenischen Geheimdienst gefoltert und einige ermordet.

Nach dem Ende der Militärdiktatur wurde die Siedlung 1991 offiziell aufgelöst. Danach häuften sich die Vorwürfe und Anzeigen gegen die Colonia. Neben Mord und Kindesmissbrauch ging es auch um Steuerhinterziehung, Waffenschmuggel, Freiheitsberaubung, Sklaverei und Verabreichung von Psychopharmaka ohne medizinische Indikation.