Auch Philippe Van Parijs, belgischer Philosoph und emeritierter Professor an der Université Louvain in Belgien, sprach über das Miteinander – und wie es sich praktisch umsetzen lässt: mit einer gemeinsamen Sprache. Ein Instrument zur Kommunikation über nationale Grenzen hinweg sei eine fundamentale Voraussetzung für den Erhalt eines "perfekten und erstaunlichen" Systems, wie es Europa sei. Und dieses Instrument existiere: Englisch. Die englische Sprache, erklärte Van Parijs, sei "eine kontinentale europäische Sprache", mit Einflüssen aus dem Deutschen und Französischen. Und beim Sprechen mit dieser europäischen Stimme sei es in keiner Weise peinlich, das Englische mit hörbarem lokalen Akzent zu benutzen, sagte Van Parijs, der wie alle Vortragenden des Nachmittags, natürlich, Englisch sprach.

Lassen Sie uns der Welt das Geschenk eines starken Europas geben. Lassen Sie uns die Zukunft der Menschheit gestalten auf diesem wunderschönen Raumschiff, das man Erde nennt.
Samantha Cristoforetti, Esa-Astronautin

Für Samantha Cristoforetti war eine gemeinsame Sprache über Monate sogar überlebenswichtig. Die Italienerin startete 2014 als Astronautin der Europäischen Raumfahrtagentur (Esa) für 199 Tage zur ISS, dem "Außenposten der Menschheit", wie Cristoforetti als letzte Hauptrednerin im Bozar erzählte.  

"Als jemand, der für längere Zeit nicht auf diesem Kontinent und sogar auf diesem Planeten gelebt hat, kann ich sagen, dass Europa große Bewunderung erfährt." Europa berge ungeheures Potenzial an Talent, an Leidenschaft, an Kreativität und nicht zuletzt an finanziellen Ressourcen. Gemeinsam sei es damit möglich, technologische Lösungen für die großen Herausforderungen dieser Welt zu finden, von der Weltgesundheit bis zur Klimakrise. "Wir müssen Probleme anerkennen, wir müssen willens sein, Kurse zu ändern, aber wir müssen unseren Traum verfolgen. Lassen Sie uns der Welt das Geschenk eines starken Europas geben. Lassen Sie uns die Zukunft der Menschheit gestalten auf diesem wunderschönen Raumschiff, das man Erde nennt."

Aber wie beginnt man nun im Kleinen ein Gespräch, das gemeinsame Träume überhaupt möglich macht? Zumal wenn man in zentralen Fragen des Zusammenlebens ganz unterschiedliche Ansichten hat?

Davon erzählten an diesem Nachmittag, bevor sich die einzelnen Streitpaare auch in Brüssel zurückzogen, drei Gesprächspaare, die an den Vorgängerformaten von Europe Talks teilgenommen hatten.

"Ich war mutig. Und ich bin es wieder"

Enrico Verno und Anna Albanese, die in Italien bei L'Italia si parla diskutiert hatten, machten dort eine Erfahrung, die die persönlichen Gespräche beim Politik-Tinder immer wieder kennzeichnen, anders als vieles, was "vor dem Handybildschirm" passiert, wie Verno das ausdrückte: Sie entdeckten bei ihrem Treffen überraschend viele Überschneidungen in ihren Ansichten.

Anne Helgers und Anno Mühlhoff hatten sich schon 2017 für die erste Ausgabe von Deutschland spricht angemeldet. Damals wurde in Deutschland über die sogenannte Ehe für alle debattiert. Hatte das Gespräch einen Effekt? "Ich denke mehr über Kommunikation nach, wie ich über Dinge rede, gerade wenn man wirklich diametrale Positionen vertritt. Ich fürchte solche Diskussionen nicht mehr. Ich war mutig. Und ich bin es wieder", sagte Helgers. Damals lebte sie in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft und hatte sich laut Mühlhoff akribisch vorbereitet. Seine vormals harten Meinungen habe sie in dem Gespräch "weicher" gemacht. 

Jussi Ruotsalainen und Paula Plysjik aus Finnland waren sich bei Suomi puhuu vor allem in der Frage nach der Schuld und Verantwortung der Menschen für den Klimawandel uneins: Paula Plysjiks Überzeugung, dass die Menschheit in dieser von einem Schöpfer gemachten Welt zu klein sei, um etwas gegen die globale Erwärmung tun zu können, hielt Jussi Ruotsalainen wissenschaftliche Beweise entgegen. Bekehrt sei nach dem Gespräch keiner gewesen, doch Jussi Ruotsalainen habe für sich erkannt: "Ich kann Ansichten, die ich nicht teile, von denen ich vorher vielleicht noch nicht einmal gewusst habe, anerkennen."

"Europe Talks" wird unterstützt durch das Auswärtige Amt, die European Cultural Foundation, die Allianz Kulturstiftung, die Stiftung Mercator und die Evens Foundation. Hier finden Sie alle Geschichten rund um "Europe Talks".