Der Polizeipräsident haut mit der flachen Hand auf den Tisch. "Wenn Sie fragen: Warum erst jetzt? Dann räume ich ein: Ein Fehler, den man nicht korrigiert, ist der zweite." Nach diesem Eingeständnis wird es kurz still am Tisch. Was heißt das, ein Fehler? Nils Hoffmann-Ritterbusch ist Präsident des Polizeipräsidiums Neubrandenburg in Mecklenburg-Vorpommern und damit auch für die Sicherheit in dem Örtchen Lärz zuständig, wo auf einem ehemaligen Militärflugplatz der Sowjets seit 22 Jahren das Fusion Festival stattfindet. Oder dieses Jahr womöglich nicht. Denn Hoffmann-Ritterbusch gibt das Sicherheitskonzept nicht frei.

Was in Mecklenburg-Vorpommern gerade verhandelt wird, ist aber nicht nur der Konflikt zwischen einem anarchischen Festivalkonzept und Sicherheitsbehörden, die das gern in ihre Schablone der "bundesweiten Sicherheitsstandards" pressen möchten. Es ist eine Machtprobe, die weit über das Festival hinausgeht.

Von außen ist schwer ersichtlich, wer im Ordnungsamt oder Polizeipräsidium auf den Gedanken kam, dass das ganz schön dreist ist: Eine Großveranstaltung mit 70.000 Teilnehmenden, die sich ohne nähere Kontrolle der Polizei abspielt, und das seit über 20 Jahren. Ein Fehler eben, der korrigiert werden muss. Vehement vorgetragen wird diese Haltung jedenfalls von Polizeipräsident Hoffmann-Ritterbusch. Auf anderen Großveranstaltungen sei die Polizei schließlich auch.

Für die Feiernden ist das alles andere als ein Fehler, sondern Freiraum. Die Grundvoraussetzung, damit aus der Fusion das werden konnte, was sie ist. Wenn nun, wie von der Polizei gefordert, eine mobile Wache auf den Festivalgelände stünde, wäre das "der Anfang vom Ende", sagt Martin Eulenhaupt vom Veranstalter Kulturkosmos Müritz. "Auf dem Hurricane Festival freut man sich vielleicht, wenn Niedersachsen die Reiterstaffel schickt. Aber auf der Fusion haben viele Tausend Menschen jahrelang friedlich und ohne Überwachung gefeiert. Wenn die ihre Homebase verlieren, wird es sicherlich fantasievollen Protest geben", sagt er.

Um zu verstehen, warum 90.000 Menschen innerhalb von zwei Tagen eine Petition gegen die Polizeipräsenz auf dem Festival unterschrieben haben, muss man wissen, dass dieses Festival nicht ist wie das Lollapalooza oder Rock am Ring. Es gibt auf der Fusion keine Headliner, die Bands werden nicht einmal vorher bekannt gegeben. Es gibt an keiner der Fressbuden Fleisch. Auch die Organisation ist anders: Nicht eine Firma, sondern viele Gruppen, oft aus linken Politzusammenhängen, organisieren die verschiedenen Teile des Festivals: die Bars, die Feuershow, die Security, die Lichtinstallationen, die Kompostklos, die Stromversorgung, das Catering für die Künstlerinnen und Künstler. Darüber spannt sich der Kulturkosmos Müritz e.V. als Eigentümer des Geländes und Veranstalter.

Selbstverwaltung, die funktioniert

Das Ergebnis ist eine eigene Welt, die einmal im Jahr Einlass gewährt: Statt einer Haupt- und zwei Nebenbühnen hat die Fusion 28 Spielorte. Kabarett in einem Hangar, Drum’n’Bass in einem anderen. Dazwischen ist Sand aufgeschüttet an der Seebühne, gegenüber von der Turmbühne schlagen Flammen aus den Pfählen, während der Bass stampft. Glitzerschminke wird überall rumgereicht, Drogen eher nur unter Freunden. Niemand kann behaupten, dass hier nur legale Substanzen konsumiert werden. Tagsüber tanzen die einen weiter, während die anderen in überdimensionierten Hängematten baumeln oder in den Schwimmteich springen. Es gibt jedes Jahr um die 200 Leute, die bei An- oder Abfahrt mit Alkohol oder Drogen im Blut von der Polizei angehalten werden. Aber bei 70.000 Teilnehmern pro Festival nur ein oder zwei gemeldete Gewalttaten. In einem Jahr waren es sieben. Und es gab laut Veranstalter mehrere Fälle, in denen die Polizei akut aufs Gelände wollte und hereingelassen wurde. Aber sie war eben nicht dauerhaft da. Man könnte zu dem Schluss kommen, dass diese Selbstverwaltung funktionierte.

Sicher ist: Das soll jetzt ein Ende haben, auf eine von zwei Arten: Entweder lassen die Veranstalter zu, dass die Polizei eine mobile Wache auf ihrem Gelände errichtet, oder das Festival wird nicht genehmigt. Der zuständige Polizeipräsident Hoffmann-Ritterbusch schrieb Mitte April an das Ordnungsamt Röbel-Müritz, aus seiner Sicht dürfe das Festival nicht stattfinden. Es sei "eine Beteiligung politischer, in Teilen hoch gewaltbereiter Personen zu erwarten". Auf der Pressekonferenz am 7. Mai räumte er ein, dass das vielleicht etwas übertrieben war. Doch er bleibt dabei: Das Sicherheitskonzept habe schwere Mängel, es gebe unter anderem keinen ausreichenden Flucht- und Rettungswegeplan. Das müsste behoben werden, und auch die Wache auf dem Gelände errichtet. Auf dem Gelände, nicht daneben, wie es die Veranstalter als Kompromiss angeboten hatten. "Im Moment weiß ich nicht, welches Argument mich dazu bringen könnte, nicht an dieser Forderung, ja, an dieser Selbstverständlichkeit festzuhalten", sagt Hoffmann-Ritterbusch.