Das Polizeipräsidium stellt das etwas anders dar: Durch die Fachhochschule würden die Polizeidienststellen nach möglichen Themenvorschlägen abgefragt. "In diesem Zusammenhang ist der Vorschlag entstanden, sich mit dem Thema Großveranstaltungen am Beispiel der Fusion auseinanderzusetzen. Der Inhalt dieser Bachelorarbeit war uns bis zum Zeitpunkt Ihrer Anfrage nicht bekannt", sagt eine Sprecherin. Die Arbeit hat, so steht es dort im Fazit, "das Ziel herauszufinden, wo die Schwachstellen des Sicherheitskonzeptes der Veranstaltung 'Fusion' liegen und welche Möglichkeiten es für das polizeiliche Einschreiten […] gibt".

Es ist an Polizeihochschulen nicht unüblich, dass Themen, die die Polizei im Dienst beschäftigen, in Abschlussarbeiten behandelt werden, bestätigt ein Dozent einer Polizeihochschule eines anderen Bundeslandes. Etwa wenn ein neues Kriminalitätsphänomen auftauche, das ein Präsidium gern untersucht hätte.

Was die Polizei konkret auf dem Festivalgelände bewirken soll, bleibt offen

Die Arbeit zur Fusion lässt jedoch Zweifel daran aufkommen, ob es dem Polizeipräsidium um eine neutrale Betrachtung ging oder darum, seinen gewünschten Einsatz besser rechtfertigen zu können. Im Hauptteil wird das Sicherheitskonzept des Veranstalters gegen verschiedene mögliche Unglücksszenarien getestet (Unwetter, Technikausfall, Terrorismus). Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass der Veranstalter schon jetzt gute Lösungsansätze habe, kritisiert allerdings, dass die Entscheidungsstrukturen zu umständlich seien und dass die Besucher bei einem Unwetter nur auf den Parkplatz evakuiert werden sollen. Der mögliche Drogenkonsum einiger Teilnehmenden trage außerdem dazu bei, dass ihr Verhalten ein Risiko darstellen könnte.

Im Fazit heißt es: "Somit wird durch diese Arbeit deutlich, dass das Sicherheitskonzept für die 'Fusion' 2019 nicht ausreicht und es zum Vorteil bei Gefahrenlagen sein kann, wenn die Polizei auf dem Veranstaltungsgelände während des Ablaufs vor Ort ist." Diese Schlussfolgerung ist allerdings fraglich. Es werden zwar Mängel im Sicherheitskonzept genannt, doch was die Polizei konkret auf dem Festivalgelände bewirken soll, warum ihre Präsenz dort also zum Vorteil sein könnte, darauf gibt diese Arbeit keine Antwort – ebenso wenig, wie es Hoffmann-Ritterbusch bisher öffentlich getan hat.

Zu den Unterlagen, die für die Bachelorarbeit zur Verfügung standen, gehört auch das Sicherheitskonzept des Fusion-Veranstalters Kulturkosmos Müritz e. V. – dort enthalten sind Namen und Telefonnummern des Veranstalters ebenso wie von Mitarbeitern der privaten Ordnungsdienste, die auf der Fusion zum Einsatz kommen sollen. Die Unterlagen sind der Fachhochschule ungeschwärzt zur Verfügung gestellt worden – nicht vom Veranstalter, sondern offenbar von den Behörden. Das sei ein Verstoß gegen den Datenschutz, sagt der Dozent einer Polizeihochschule eines anderen Bundeslandes: "Wenn Unterlagen Dritter weitergegeben werden, müssen persönliche Daten geschwärzt werden."

Diese sensiblen Unterlagen gelangten so auch an den Betreuer der Bachelorarbeit, Ulf-Theodor Claassen, einen Dozenten für Einsatzlehre. Er ist außerdem ehemaliger AfD-Politiker: Bis Ende 2016 war er stellvertretender Vorsitzender des damaligen AfD-Kreisverbandes Mecklenburg-Schwerin. Am 14. November 2016 trat er aus der AfD aus, nachdem er am Tag zuvor auch für den Landesvorstand kandidiert hatte und nicht gewählt wurde, bestätigt sein früherer Kreisverband. Claassen hatte im Jahr 2014 Jugendliche mit Reizgas angegriffen, die an seinem AfD-Wahlstand mit Konfetti geworfen hatten. Das Amtsgericht Schwerin verurteilte ihn im April 2016 wegen gefährlicher Körperverletzung in zwei Fällen zu einer Geldstrafe von 7.700 Euro, wie ein Gerichtssprecher bestätigte. Laut Medienberichten wurde er wegen dieses Angriffs von seiner Dienststelle im Polizeipräsidium Rostock an die Polizeifachhochschule strafversetzt. Eine Parteirivalin sagte auf einem Landesparteitag 2016 über ihn: "Dieser Mann hat sich häufig nicht unter Kontrolle und cholerische Ausbrüche, die ihn auch handgreiflich werden lassen." Claassen selbst wollte sich gegenüber ZEIT ONLINE nicht äußern. Das Landesinnenministerium bestätigte, dass Claassen an der Fachhochschule tätig sei, zu seiner Versetzung könne man aus datenschutzrechtlichen Gründen nichts sagen.

Die Sprecherin des Polizeipräsidiums Neubrandenburg sagte dazu: "Welche Unterlagen im Rahmen der Recherche der Studentin zur Verfügung gestellt wurden, war uns bis zum Zeitpunkt Ihrer Anfrage nicht bekannt. Sollten diese Zuarbeiten ungeschwärzte persönliche Daten enthalten, wäre das nicht in Ordnung und müsste im Nachgang überprüft werden, wie es dazu gekommen ist."

Veranstalter Martin Eulenhaupt sagte auf Anfrage, es sei "ein Skandal sondergleichen", wenn die für das Festival zuständige Polizeibehörde die "vertrauliche Sicherheitsarchitektur" der Veranstaltung "auf direktem Wege an verurteilte rechte Gewalttäter weiterreicht" und dabei gegen elementare Regeln des Datenschutzes verstoße. "Wie sollen wir einem Polizeipräsidenten vertrauen, der selbst Gesetze bricht und mit rechten Gewalttätern zusammenarbeitet? Wir fordern volle Transparenz und Aufklärung in dieser Angelegenheit."

Viele der linken Gruppen fürchteten, ihre Daten würden zweckentfremdet

Allerdings seien sie weiterhin zu Gesprächen mit der Polizei bereit, sagte Eulenhaupt. "Trotz allem, was wir jetzt erfahren müssen, stehen wir natürlich weiter zu unserem Kompromissangebot." Die Veranstalter wünschten sich, "zu einer konstruktiven und vertrauensvollen Zusammenarbeit mit der Polizei zurückzukommen".

Ähnliche Töne schlägt auch die Sprecherin des Polizeipräsidium Neubrandenburg an. Die Polizei stelle "nie den friedlichen Charakter der Fusion infrage". Gern sei die Polizei zu Kompromissen bereit. "Ein Kompromiss beruht gleichwohl auf dem gegenseitigen Vertrauen, Zusicherungen einzuhalten, bei Anlässen jederzeit sofort aufs Gelände zu kommen."

Die Veranstalter sagen, sie wurden noch vor Abgabe ihres überarbeiteten Sicherheitskonzepts vom Ordnungsamt aufgefordert, Namen, Geburtsdaten und Adressen all ihrer Sicherheitskräfte zu liefern, um den Vorgaben gerecht zu werden. Das gestaltete sich laut Veranstalter schwierig, da viele der beteiligten linken Gruppen misstrauisch gegenüber Polizei und Behörden seien und fürchteten, ihre Daten würden zweckentfremdet. Über die Weitergabe des Sicherheitskonzepts an Claassen war zu diesem Zeitpunkt noch nichts bekannt.