Die Akten muss Roman von Alvensleben immer wieder zur Seite legen. Selbst für den erfahrenen Rechtsanwalt sind die Schilderungen zu krass, er muss Pausen machen. Auf etwa 1.100 Seiten beschreiben die Ermittlungsunterlagen detailliert, was sich viele Jahre lang auf einem kleinen Campingplatz im ostwestfälischen Lügde zugetragen haben soll. Es geht um schweren sexuellen Missbrauch von mindestens 41 Kindern im Alter von vier bis 13 Jahren. Tausendfach sollen sich die beiden Hauptverdächtigen Andreas V. und Heiko V. an den Schutzbefohlenen vergangen und ihre Taten gefilmt haben. Die Männer sollen den Kindern sogar befohlen haben, sich gegenseitig anzufassen. Mario S., ein weiterer Verdächtiger, habe die Taten mitunter per Livechat mitverfolgt. "Man kann das kaum ertragen", sagt von Alvensleben. "Ich bin erschüttert, beschämt, entsetzt."

Die Staatsanwaltschaft Detmold hat im Fall Lügde in dieser Woche Anklage gegen den 56 Jahre alten Andreas V. und seinen 49 Jahre alten Komplizen erhoben. Gegen den 34 Jahre alten Mario S. laufen die Ermittlungen noch. Die Tatverdächtigen sitzen seit Monaten in Untersuchungshaft. Gegen fünf weitere Personen wird ermittelt.

Roman von Alvensleben, Rechtsanwalt aus Hameln, wird im Hauptverfahren in der Nebenklage eines der Opfer vertreten. Die Mutter hatte mit ihrer Anzeige im Oktober 2018 die Ermittlungen ins Rollen gebracht. Neun Jahre alt war Sophie (Name geändert), als sich V. an ihr vergangen haben soll. Das Mädchen hatte die Pflegetochter von V. auf einem Kindergeburtstag kennengelernt. Die Mutter schöpfte keinen Verdacht. Zweimal habe Sophie im August 2016 mehrere Nächte in der Parzelle auf dem Campingplatz Eichwald verbracht, in der V. mit seiner Pflegetochter hauste. Dann passierte es: Missbrauch im Wohnwagen, Missbrauch im Auto, sogar in der Öffentlichkeit habe V. das Mädchen angetatscht. Anschließend habe er Drohungen ausgesprochen. Wenn sie etwas verrate, werde ihrer Mutter etwas zustoßen, habe V. gesagt. "Meine Mandantin ist schwer traumatisiert", sagt von Alvensleben. "Solche Dinge kann man nicht vergessen. So etwas hinterlässt Spuren fürs Leben. Das ganze Familiensystem kann zerbrechen."

"In nahezu beispielloser Weise versagt"

Der Missbrauchsfall von Lügde ist monströs, er sprengt die Vorstellungskraft. Einem arbeitslosen Hartz-IV-Empfänger war es gelungen, trotz behördlicher Überwachung auf einem kleinen Campingplatz im Naturpark Teutoburger Wald über Jahre hinweg ein Missbrauchssystem zu etablieren, in einer schäbigen, zugebauten und vermüllten Parzelle, die gleich neben den anderen stand. Keiner der Camper will von all dem etwas mitbekommen haben. Doch bei Andreas V. in Lügde wollte offenkundig niemand so genau hinsehen. Nicht die Nachbarn, nicht die Jugendämter und auch nicht die Polizei. "Die staatlichen Sicherungssysteme haben in nahezu beispielloser Weise versagt", sagt von Alvensleben.

Dass Andreas V. überhaupt ein Kind zur Pflege in seinem Campingdomizil aufnehmen durfte, ist aus Sicht des Anwalts kaum zu begreifen. "Wer ein Kind adoptieren will, wird von oben bis unten durchleuchtet", sagt von Alvensleben. "Ein Pflegekind aber wird ohne größere Prüfung einfach so einem Mann anvertraut, der in einer solchen Örtlichkeit lebt. Das kann doch nicht sein." V. habe das Mädchen als Köder benutzt. "Über die Pflegetochter konnte er Kontakte zu anderen Kindern aufnehmen und sich auch an ihnen vergehen. Es war immer dasselbe Muster."

Für Süßigkeiten würde das Mädchen "alles machen"

Dabei hatten die Ämter offenbar genug Gelegenheiten, die Kinder, die V. mit Spielzeugen, Ausflügen und Süßigkeiten gefügig gemacht haben soll, zu retten. Schon 2016 waren mehrere Hinweise bei den Behörden eingegangen: Im August schilderte eine Mitarbeiterin des Kinderschutzbundes aus dem Kreis Hameln-Pyrmont nach dem Gespräch mit einem Vater einen möglichen Kindesmissbrauch durch V. und wandte sich an das Jugendamt und die Polizei. Der Polizist aber informierte offenbar weder die zuständige Kriminalpolizei noch die Staatsanwaltschaft, obwohl dies die Regeln bei solchen Verdachtsfällen vorschreiben.

Im November berichtete zudem die Mitarbeiterin eines Jobcenters über den Besuch von V. mit seiner Pflegetochter. Das Mädchen soll demnach gesagt haben, es ekele sich vor dem Geruch von Männern. Andreas V. habe erzählt, das Kind würde ihn "heiß machen" und dann plötzlich nicht mehr wollen. Für Süßigkeiten aber würde das Mädchen "alles machen". Konsequenzen aber blieben in beiden Fällen aus. Das zuständige Jugendamt reiste zwar zu einer Prüfung auf den Campingplatz. Bis auf eine unordentliche Wohnsituation aber konnten die Mitarbeiter angeblich nichts feststellen. Das aber sei kein Indiz für Missbrauch, "denn der kann hinter jeder Fassade und in jedem Milieu stattfinden", teilten sie mit. Zudem sei der Pflegevater bemüht und zeige sich kooperativ. Tjark Bartels, der zuständige Landrat von Hameln, sagte später: "Wenn ein deutlicher Hinweis, der auf sexuellen Missbrauch hindeutet, bei uns im Haus vorgelegen hätte, dann hätten wir darauf reagiert."