Es ist nicht alles verloren, solange an den Geburtstagen des Grundgesetzes und der friedlichen Revolution Luftballons fliegen. Solange Gedenkreden gehalten werden und Herbert Grönemeyer etwas singt, und die meisten Deutschen das richtig finden. Es könnte auch ganz anders sein und es war auch schon ganz anders. Das Grundgesetz hat lange gebraucht, um von den meisten Deutschen akzeptiert zu werden. Und wer weiß, wie lange man noch das Wort "Feiern" benutzen wird an den Jahrestagen des Mauerfalls.

Womöglich gibt es schon in diesem Herbst nicht mehr viel zu feiern, denn am 9. November werden auch die drei ostdeutschen Landtagswahlen Geschichte sein. Unmöglich, das heute abzusehen, vielleicht aber werden die Brandenburger, Sachsen und Thüringer die AfD erstmals zur stärksten Kraft gewählt haben. Käme es soweit, könnte es der traurigste aller bisherigen Jahrestage der Revolution von 1989 werden. 30 Jahre nachdem Ostdeutsche sich die Demokratie erkämpft haben, verpassen Ostdeutsche ihr einen schweren Schlag.

Christian Bangel ist Politischer Autor bei ZEIT ONLINE. © Jakob Börner

Kein reines Ostthema. Auch der Geburtstag der Bundesrepublik im Mai könnte überschattet werden, wenn Rechtspopulisten gleichzeitig einen historischen Erfolg bei der Europawahl erzielen. Ausgerechnet an jenem Tag, an dem vor 70 Jahren die stabilste und demokratischste deutsche Verfassung aller Zeiten beschlossen wurde, könnte die AfD mit den Parteien Salvinis, Straches und Kaczyńskis triumphieren. Parteien, die die Grundrechte als etwas sehen, das vor allem für ihre Wähler gilt.

Kein Zufall

Schön ist das alles nicht, aber vielleicht ist es mal ganz hilfreich. Vielleicht hat uns die Geschichte ja einen großen Wecker hingestellt. Denn das Zusammentreffen dieser Ereignisse ist nicht nur ein kalendarischer Zufall. All das – der Osten, die alte Bundesrepublik, die Nachwendezeit, Europa, die Globalisierung, der heutige Rechtsruck – es hängt miteinander zusammen.

Michael Schlieben ist Politischer Korrespondent bei ZEIT ONLINE

Deswegen möchten wir in diesem Jahr etwas anders machen. Wir möchten diese Feiertage nicht einzeln begehen, sondern als etwas Zusammenhängendes betrachten. Wir möchten es nicht beim Feiern und Gedenken belassen, sondern dieses Jahr als eine Denkaufgabe begreifen, um die neuen Konflikte, aber auch Chancen, die sich gerade auftun, besser zu verstehen. Wir wollen nicht nur bis zum 23. Mai über die Geschichte der Bundesrepublik schreiben, sondern auch danach. Wir wollen nicht erst kurz vor dem Mauerfalljubiläum den Osten beschreiben, sondern das ganze Jahr lang.

Ein besonderes ostdeutsches Jahr

Dafür starten wir die Reihe 70/30. Wir wollen einerseits versuchen, den Osten mit seinen besonderen Abgründen und Potenzialen zu verstehen. Dieses Jahr ist ein besonderes für den Osten, viele neue Debatten sind in den vergangenen Monaten aufgekommen: die Unterrepräsentation der Ostdeutschen und die Quote, Naika Foroutans Vergleich von Migranten und Ostdeutschen, die verheerende Abwanderungsbilanz seit 1989. Nicht zuletzt ist da auch die neue Dringlichkeit, mit der junge Ostdeutsche sich an die älteren richten und sie fragen, was sie gegen den Rechtsextremismus in ihrer Mitte unternehmen.

Manche dieser Diskussionen kann man im Podcast Wie war das damals? verfolgen. Man kann Jana Hensels Exkursen und Exkursionen in den Osten folgen und unsere Datenaufarbeitungen der Nachwendezeit anschauen. Es gibt für uns wenig Spannenderes als die Frage, wohin sich dieses ebenso reaktionäre wie progressive Stück Deutschland noch entwickeln wird.