Der Welt-Korrespondent Deniz Yücel ist während seiner Haftzeit in der Türkei eigenen Angaben zufolge gefoltert worden. In einer Aussage vor dem Amtsgericht in Berlin macht er dafür den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan verantwortlich. In der von mehreren Medien veröffentlichten Verteidigungsschrift erwähnt Yücel Schläge, Tritte, Erniedrigungen und Drohungen durch Aufseher in seinen ersten Tagen im Hochsicherheitsgefängnis Silivri bei Istanbul.

Gegen Yücel läuft in der Türkei ein Prozess, ihm wird unter anderem "Propaganda für eine Terrororganisation" vorgeworfen. Das Gericht in der Türkei hatte zugestimmt, dass Yücel im Rahmen der Rechtshilfe vor einem Richter in Deutschland aussagen kann. 

"Ich wurde im Gefängnis Silivri Nr. 9 drei Tage lang gefoltert", schreibt Yücel in seiner ersten Aussage in dem Strafverfahren. "Womöglich auf direkte Veranlassung des türkischen Staatspräsidenten oder dessen engster Umgebung, auf jeden Fall aber infolge der Hetzkampagne, die er begonnen hatte und unter seiner Verantwortung. So oder so, der Hauptverantwortliche für die Folter, der ich ausgesetzt war, heißt Recep Tayyip Erdoğan."

Yücel war bis Februar 2018 ein Jahr lang ohne Anklageschrift in der Türkei im Gefängnis – lange in Einzelhaft. Der Fall hatte eine schwere Krise im politischen Verhältnis zwischen Deutschland und der Türkei ausgelöst. Zeitgleich mit Yücels Entlassung aus dem Gefängnis und der Ausreise nach Deutschland erhob die türkische Staatsanwaltschaft Anklage. Der Prozess gegen Yücel in Istanbul wird Mitte Juli fortgesetzt. Dem deutsch-türkischen Journalisten drohen bis zu 18 Jahre Haft.

Beschwerde vor Menschenrechtsgerichtshof

Yücel nannte die gegen ihn erhobenen Vorwürfe "unsinnig" und sprach dem Prozess jede rechtsstaatliche Grundlage ab. "Ich weiß, das, was ich hier zu sagen habe, hat für Ihr Gericht keinerlei Bedeutung und wird in der Türkei der Gegenwart keine rechtliche Entsprechung finden", hieß es in seiner Aussage an die Adresse der türkischen Richter. Das Urteil der Richter sei wertlos. Seine Inhaftierung sei eine Geiselnahme gewesen.

In der Aussage vor dem Amtsgericht Tiergarten sagte der 45-Jährige, er habe auch in seiner Beschwerde vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte von der Folter berichtet. Er habe es ansonsten vorgezogen, darüber nicht öffentlich zu sprechen. "Denn der richtige Ort hierfür war die Gerichtsverhandlung. Der richtige Ort war hier. Darum sage ich es an dieser Stelle zum ersten Mal öffentlich."

Yücel berichtete, nachdem Erdoğan Anfang März 2017 eine "Hetzkampagne" gegen ihn begonnen habe, habe eine sechsköpfige Gruppe aus Vollzugsbeamten damit begonnen, ihn zu schikanieren. Sie hätten ihn als "Vaterlandsverräter" und "deutschen Agenten" beschimpft – "Wiederholungen dessen, was der Staatspräsident über mich gesagt hatte". Später sei diese Gruppe in seine Zelle eingedrungen.

"Womöglich wollte man mich provozieren"

"Weil in den Zellen im Gegensatz zu den Korridoren keine Kameras installiert sind, wurde ich erstmals auch körperlich mit Tritten gegen meine Füße und Schlägen auf Brust und Rücken angegangen", hieß es in Yücels Aussage. "Das Maß der Gewalttätigkeit war nicht allzu hoch, weniger darauf ausgerichtet, mir körperliche Schmerzen zuzufügen, als darauf, mich zu erniedrigen und einzuschüchtern. Womöglich wollte man mich auch zu einer Reaktion provozieren. Doch auch so war dies ein Fall von Folter."