Ein heißer Samstag im Berliner Westen, die Sonne knallt aus einem wolkenlosen Himmel auf den Adenauerplatz. Menschen sitzen in Straßencafés, flanieren über den Ku'damm, vorbei an anderen Passanten. Und an Polizisten, die in Vierergruppen an allen vier Straßenkreuzungen stehen.

Es ist 13.30 Uhr, in einer Stunde soll hier eine der umstrittensten Demonstrationen Berlins losgehen. Seit 1996 zieht der Al-Kuds-Marsch durch die Hauptstadt; eine in Teilen offen antisemitische Veranstaltung. In der Vergangenheit wurden Parolen wie "Juden ins Gas" gerufen, vergangenes Jahr gab es Meldungen über geworfene Pflastersteine, verbotene Hisbollah-Fahnen und über einen Mann, der den Hitlergruß zeigte. Damals marschierten rund 1.600 Teilnehmer mit, in diesem Jahr rechnet die Polizei mit 2.000.

"Gegen Zionismus und Antisemitismus" lautet das Motto der Demonstration, die Organisatoren nennen sie ein Zeichen der Solidarität mit Palästina. Gegner bezeichnen den Marsch als "klare antisemitische Hetze", Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) als "eine der widerlichsten Kundgebungen" der Stadt.

Kritiker fordern seit Jahren ein Verbot des Marsches. Doch das, sagte Innensenator Andreas Geisel der Berliner Morgenpost, würde vermutlich am Verwaltungsgericht scheitern. Stattdessen gibt es strenge Auflagen: keine brennenden Fahnen, keine israelfeindlichen Parolen, keine Werbung für die Hisbollah oder ihr nahestehende Organisationen. Dieses Jahr, heißt es, werden auch Dolmetscher dabei sein, um alles zu überwachen.

Juden seien Freunde, Zionisten eine Sekte

Am Geländer des U-Bahnhofs Adenauerplatz lehnen drei junge Männer. Ob man ihnen ein paar Fragen stellen kann? Na klar, sagt Azrael, 20, kurz geschorenes Haar, kräftig gebaut, auf dem Polohemd das Emblem eines türkischen Moschee-Vereins. Azrael kommt aus Berlin, ist seit drei Jahren regelmäßig dabei. "Weil wir aufgewacht sind", sagt er. Der Staat Israel sei gezielt im Nahen Osten gegründet worden, um "Zwietracht unter den arabischen Nachbarn" zu säen. Er macht – wie die meisten Menschen, mit denen man hier spricht – eine Unterscheidung zwischen Zionisten, also Befürwortern der israelischen Siedlungspolitik auf der einen, und Juden auf der anderen Seite. Juden seien Freunde, sagt er; Zionisten Mitglieder einer Sekte. "Ein himmelweiter Unterschied."

Auch Safaa, 31, langes schwarzes Gewand und Kopftuch, ist seit ein paar Jahren regelmäßig dabei. Sie ist aus Salzgitter angereist, ingesamt seien sie zu neunt – ihre Schwestern, die Töchter und zwei Schüler von ihr sind auch dabei. Sanaa ist Lehrerin. Warum sie hier ist? Weil Israel kein Existenzrecht habe, sagt sie. Und erklärt dann, sie halte die Existenz Israels für antisemitisch. "Weil man den Menschen damit doch sagt: Geht dorthin, wir wollen euch hier nicht." Die Juden in Israel sollten in ihre Heimatländer zurückgehen, findet sie. Das gehe auch ohne Gewalt.

Dann wird es laut. Von der anderen Straßenseite schallt Musik herüber. Ein Demozug ist vor einem Absperrgitter zum Stehen gekommen. Etwa 400 Menschen, die meisten unter 30 Jahre alt; in der Luft Israel-Flaggen, Regenbogenfahnen, das schwarze Konterfei der Antifa. Es ist die erste von zwei Gegendemonstrationen an diesem Tag.

Auf dem Mittelstreifen stehen drei Männer Anfang 20, in den Händen ein rotes Transparent: "Waffen für Israel". Einer der drei ist Laurin, ein 23-jähriger Jurastudent aus Berlin. "Wenn ein Staat vom islamistischen Terror bedroht ist", sagt er, "dann braucht es Waffen, um sich zu verteidigen." Die vom Al-Kuds-Marsch propagierte Unterscheidung zwischen Zionisten und Juden nimmt er ihnen nicht ab. Viele israelkritische Organisationen hätten Verbindungen zu Organisationen wie der Hamas, sagt Laurin. "Da kann keiner mehr sagen, dass das keine Antisemiten sind."