Zwei Wahlen in Südosteuropa bringen gute Nachrichten, die eine in Istanbul hat gerade stattgefunden, die andere folgt in einer guten Woche in Griechenland. Sie festigen eine Tendenz, die schon bei der Europawahl in einigen EU-Ländern wie Dänemark und Rumänien sichtbar wurde: Auch dort haben populistische Parteien massiv an Stimmen verloren. Die Populisten sind im Rückwärtsgang.

In der Türkei hat der Sieg des Oppositionskandidaten Ekrem İmamoğlu über die nationalpopulistische AKP die Allmacht von Recep Tayyip Erdoğan erstmalig erschüttert. İmamoğlu hat einen Hebel gefunden, Recep Tayyip Erdoğans System der autokratischen Polarisierung aufzubrechen. Er ist freundlich, grenzt niemanden aus und umarmt die Anhänger seiner Gegner. Er hasst nicht. Daran ist Erdoğan schon im Wahlkampf gescheitert, und die Chancen stehen gut, dass es İmamoğlu auch im Machtkampf mit Ankara nützt.

İmamoğlu wird im Amt viel erfahren über das krakenhaft-korrupte System Erdoğan, das in Istanbul seinen Ursprung hatte und über die Jahrzehnte bis nach Ankara wuchs. İmamoğlu wird genau da anfangen, wo Erdoğan einst als Bürgermeister begann. Für İmamoğlu kann die Stadt ebenso der Start für seinen nationalen Aufstieg werden. Er wird klug genug sein, sich nicht durch Nationalismus und Erniedrigung der anderen zu erhöhen, sondern allein für sich werben. Er wird wie im Wahlkampf die Anhänger Erdoğans allmählich zu sich herüberziehen. Und irgendwann, wenn die Zeit reif ist, kann er Erdoğan herausfordern, nicht in Istanbul, sondern in dessen Palast in Ankara.

Sollte Alexis Tsipras gehen, kommt eben Nea Dimokratia

Im Nachbarland Griechenland übernahm 2014 eine Partei die Regierung, die man damals "linkspopulistisch" nannte. Nach vier Jahren passt das Etikett populistisch nicht mehr. Die Regierung von Alexis Tsipras hat den Sparkurs durchgezogen und mit dem Nachbarland Nordmakedonien einen Kompromiss über den Namen gefunden. Trotzdem kann es nun sein, dass Tsipras die Parlamentswahlen am 7. Juli verliert. Doch verliert er sie nicht an Populisten, sondern an eine demokratische Volkspartei, die konservative Nea Dimokratia.

In einem der besseren Vororte in Athen, in Glyfada, versammelten sich vor ein paar Tagen Unternehmer, Kaufleute und leitende Angestellte in einem Garten unter Platanenbäumen und lauschten einem Kandidaten der Nea Dimokratia. Babis Papadimitriou, ein bekannter Wirtschaftsjournalist und Kandidat, erklärte das Programm der ND und was zu tun sei: "Wir müssen wieder produzieren." Bemerkenswert war, wie selbstbewusst der Redner war, wie siegesgewiss seine gutsituierten Zuhörer. Sie wussten, dass nach vier Jahren Sparprogramm und schärfsten Kürzungen die Zukunft Griechenlands nicht krakeelenden Populisten gehört, sondern der klassischen Mitte-rechts-Partei.

Die Rechtspopulisten dagegen werden sich auf mehrere Splitterparteien verteilen, während die rechtsextremistische Goldene Morgenröte erheblich an Stimmen verlieren wird. Das prognostizieren jegliche Umfragen.

Istanbuler und Griechen setzen in der Krise auf Politiker der Mitte

Was Griechenland mit der Türkei verbindet: Beide Länder befinden sich in schweren wirtschaftlichen und sozialen Krisen. In der Türkei verfallen Währung und Löhne, die inoffizielle Arbeitslosigkeit ist dramatisch gestiegen. In Griechenland ist die Wirtschaftsleistung in den Jahren des Sparkurses um ein Viertel eingebrochen. Über eine halbe Million Griechen haben ihr Land verlassen. Es wird viel zu wenig investiert.

Und trotzdem wählten die Istanbuler einen gemäßigten, nicht polarisierenden Mitte-links-Kandidaten und die Griechen werden voraussichtlich für die bürgerlich-rechte Mitte stimmen. Das heißt: Die in Westeuropa gern herumgereichte Weisheit, dass gerade Verarmung und soziale Ungerechtigkeit Populisten hervorbrächten, stimmt so nicht. Griechen und Istanbuler setzen in der Krise auf Politiker der Mitte und des Ausgleichs. Umgekehrt muss man fragen, warum bei den Europawahlen in Frankreich, Italien, Polen und Großbritannien viele Millionen Menschen Rechtsextremisten und radikalen Populisten hinterherlaufen, obwohl die Wirtschaft in ihren Ländern vergleichsweise viel besser läuft als in Südosteuropa.

Vielleicht sollten wir aufhören, die Wähler von Rechtsextremisten und Populisten immer wieder mit irgendeiner schwierigen sozialen Lage zu entschuldigen und zu entlasten. Offenbar sind Fremdenhass, Antisemitismus, Chauvinismus und Sehnsucht nach autoritärem Durchgreifen Gründe genug, radikale Parteien zu wählen. Derlei Motive sind in Istanbul und Griechenland ganz klar in der Minderheit. Man kann nur hoffen, dass ihr Beispiel in ganz Europa Schule macht.