Am frühen Morgen des 1. September 2018 legten zwei Schlauchboote von einem libyschen Strand ab und fuhren aufs Mittelmeer hinaus. Auf jedem der beiden Boote kauerten mehr als 160 Menschen. Ein Überlebender schilderte später, was dann geschah: "Gegen 13 Uhr verlor unser Boot Luft. Es waren 165 Erwachsene und 20 Kinder an Bord. Das Satellitentelefon zeigte, dass wir nicht weit von Maltas Küste entfernt waren. Wir baten die italienische Küstenwache um Hilfe, die ersten Menschen fielen schon ins Wasser." Als Hilfe kam, war das Boot längst gesunken. Nur 55 Menschen wurden gerettet. Unter ihnen war keines der Kinder.

Auch das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen hat den Fall dokumentiert. Es ist nur einer von vielen. Von 2014 bis 2018 ertranken im Mittelmeer mindestens 678 Kinder. So zählt es die Internationale Organisation für Migration (IOM) in einem aktuellen Bericht, der ZEIT ONLINE vorliegt. Und das sind nur diejenigen, deren Tod bekannt wurde, weil Überlebende und Zeugen davon berichten konnten. Tatsächlich müssen viel mehr Kinder umgekommen sein, sagen die Fachleute.

Drei Jahre, bevor das Boot mit den 20 Kindern unterging, hatte ein Bild der türkischen Fotografin Nilüfer Demir die europäische Öffentlichkeit schockiert. An einem Strand liegt ein kleiner Junge. Er trägt ein rotes T-Shirt und eine kurze blaue Hose. Wellen schwappen um seinen leblosen Körper. Der fünfjährige Alan Kurdi war ertrunken, als seine Familie versucht hatte, von der Türkei nach Griechenland überzusetzen.

Allein in Europa starben 40 Kinder

Vor wenigen Tagen löste ein weiteres Foto Bestürzung aus. Es zeigt Óscar Alberto Martínez Ramírez und seine zwei Jahre alte Tochter Valeria. Beide liegen am Ufer des Rio Grande, das Gesicht im Wasser. Sie starben, als sie versuchten, den Fluss zu überwinden, der die Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten bildet.

Immer wieder wird von solchen Ereignissen berichtet. Doch im Bewusstsein der Öffentlichkeit bleiben sie Einzelfälle. Dabei starben in den vier untersuchten Jahren weltweit fast 1.600 Kinder auf der Flucht. Davon 40 mitten in Europa.

Viel zu oft sind Kinder jedoch selbst für erfahrene Beobachter der Migrationsrouten nahezu unsichtbar. Denn niemand achtet darauf, wie alt die Menschen sind, die sich auf die gefährlichen Fluchtrouten machen, seien es jene durch Nordafrika und über das Mittelmeer, durch Zentral- und Nordamerika oder jene über die Meerengen Südasiens. Die Fachleute von IOM können zudem lediglich die Toten zählen, die gefunden werden. Selbst dann wird ihr Alter oft genug nicht registriert. Und bei jenen, die im Meer versanken, weiß es ohnehin keiner. Altersangaben seien nur bei 14 Prozent der gezählten Toten verfügbar, schreiben die IOM-Berichterstatter, 70 Prozent der Toten würden nie gefunden. Was die Statistiker von IOM über Leichenfunde hinaus wissen, haben sie von Überlebenden erfahren.

Die tödlichste Route führt über das Mittelmeer

Die tödlichste Route ist zugleich diejenige, bei der am wenigsten über die Toten bekannt ist. Im Mittelmeer sind zwischen 2014 und 2019 schätzungsweise 17.900 Menschen ertrunken. Die vorhandenen Daten legten nahe, dass ungefähr 12.000 dieser Toten nie gefunden oder nie identifiziert wurden, heißt es in dem Bericht. Für weniger als zehn Prozent der Vorfälle, bei denen Boote gesunken sind, kenne man das Alter der Opfer.

Deshalb geben die genannten Zahlen nur einen kleinen Hinweis auf eine viel größere Tragödie. Ein Indiz, dass noch viel mehr Kinder die Flucht nicht überleben, lieferte die spanische Nichtregierungsorganisation Caminando Fronteras. Sie hat tote Flüchtlinge an spanischen Küsten und auf der westlichen Mittelmeerroute zwischen dem Herbst 2015 und Weihnachten 2016 dokumentiert. Von den 358 Toten waren ein Drittel Minderjährige.

Die IOM fordert nun, dass die Staaten entlang der Fluchtrouten die Datenlage verbessern müssen. Denn ohne Informationen über vermisste Geflüchtete sei es kaum möglich, die Gefahren abzuschätzen. Und nur so könne den Kindern geholfen werden.